Jimmy Deix

Online reich werden

In SILVER on April 1, 2009 at 12:00

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 JIMMY DEIX über schnell und leicht verdientes Geld im Internet – ohne Risiko, Vorkenntnisse und Arbeitsaufwand.

Als ich Freunden und Bekannten erzählte, dass ich mein Geld künftig über das Internet verdienen werde, lachten sie mich aus. Bei mir sei bestimmt eine Schraube locker, dachten sie. Doch ich legte mich ordentlich ins Zeug und als ich ihnen nach nur vier Wochen meine erste Abrechnung zeigte, waren sie völlig baff und fragten: „Wie geht denn das???“
Nachdem sich sämtliche Lebensbereiche völlig an die Digitalisierung angepasst haben, kann heute ein gesundes Einkommen nur durch adäquate Maßnahmen garantiert werden, damit auch in Zukunft all die Dinge leistbar sind, die einem viel bedeuten: Feine Anzüge, rasante Fahrzeuge, Traum-Immobilien, Restaurantbesuche, Urlaube … Jetzt habe ich es endlich geschafft! Nach nur vier Monaten verdiene ich Online mehr als in meiner letzten hauptberuflichen Tätigkeit. Und das Beste an meiner neuen Cash-Methode: Sie ist völlig risikolos und fordert bloß eine halbe Stunde Zeit am Tag. Sollen doch andere frühmorgens über die Tangente rauschen – ich entspanne mich einstweilen am Swimmingpool und rauche dicke Zigarren.

In letzter Zeit werde ich in meinem Bekanntenkreis überaus freundlich und zuvorkommend behandelt. Ich erhalte laufend Einladungen zum Essen und zu schicken Partys. Meine Gastgeber holen ihre besten Weine aus dem Keller und wenn ich in einer Bar nach der Rechnung verlange, erfahre ich, dass mein Campari bereits bezahlt wurde. Dieses Wohlwollen meiner Person gegenüber hat natürlich einen Grund: Man will mich ausfratscheln und mehr über mein ausgefeiltes Geldherstellungssystem erfahren. Zunächst war ich ein wenig befangen, meine lukrative Geschäftsidee preiszugeben, doch da ich kein Unmensch bin und ohnehin ausgesorgt habe, weihe ich auch andere in die goldenen Regeln des Wohlstandes ein. Wir arbeiten weltweit mit einem Team von mehreren tausend Partnern und stehen via Internet, Skype und Telefon täglich in Kontakt. Wir geben uns vertrauliche Insider-Tipps über gigantische Marktlücken im virtuellen Raum. Gegen kleine Unkostenbeiträge erhalten Start-up-Gründer ein sagenumwobenes PDF, in dem die Hebelwirkungen gewinnbringender Web-Mechanismen genau beschrieben sind. Mein Report über die 4-Stunden-Woche und die Prinzipien der finanziellen Freiheit hat das Leben vieler positiv verändert.
Ich verteile Coupons mit begehrten Zugangscodes zu meiner Website. Dort erfahren neue Interessenten mehr über meine Karrierephilosophie: „Träume nicht Dein leben, sondern lebe Deinen Traum“. Kalendersprüche wie diese emotionalisieren einfach jeden. Und ich achte darauf, dass meine Website mit dürftigem Design möglichst uncool und bescheuert aussieht, sodass der topmotivierte Besucher denkt: Was der Trottel kann, das kann ich schon lange.

ABCASHEN MIT METHODE
– BILLIG, DRECKIG UND SCHNELL
Das Internet ist eine Weidefläche für „Cash cows“ die man bloß zu melken braucht. Doch nicht jeder wendet die richtige Profitaktik an. Viele Leute platzen vor Neugier und fragen sich: Verdammt, womit handelt er? Mit Ablaichbürsten für Koi-Fische?! Mit einem speziellen Haarshampoo?! Es ist völlig egal welche Nachfrage ihr Angebot befriedet, solange sie mit einem hochprofitablen Strukturverdienstmodell Einnahmen generieren, wie ich es in meinem 100.000-Euro-DVD-Seminar näher beleuchte.
Wollen auch sie sich beruflich verändern, haben aber keine Ahnung wie? Möchten auch sie von der neuen Orthodoxie marktwirtschaftlichen Treibens profitieren, haben aber noch kein Produkt das sie verkaufen könnten? Kurz: Ihnen fehlt die richtige Strategie um ein Vermögen zu schaffen? Dann sind sie bei mir genau richtig. Da sie es bis hierher geschafft haben, nehme ich an, dass sie ernsthaft interessiert sind. Erfolgreiche Jahre im Web stehen ihnen bevor. Sie sind auf dem besten Weg, ein Online-Multimillionär zu werden, so wie ich, der ihnen die Geheimformel MMF anvertraut (Make Money Fast). Sie schaffen es! Alles was sie brauchen, ist ein Einkommensplan mit messbarem Hochgeschwindigkeitserfolg.

Es gibt viele interessante Ansätze für eine neue Wirtschaft im Internet: Als Referral-Partner bei einem Paidmailer verdienen sie an jedem Werbemail das sie lesen; durch Linkbanner auf ihrer Website kassieren sie mit Affiliate-Netzwerkprogrammen satte Click-Provisionen; als AdSense-Profiteur bei Google kompensieren sie ihre IT-Kosten; mit Besuchertausch-Systemen steigern sie den Bekanntheitsgrad ihrer Website dank Turbo-Traffic – Jeder kann sich im Internet selbstständig machen. Doch Gangsterrap ist anders. Für einen potentiellen Tycoon wie sie, sind das nur Peanuts. Sie haben besseres verdient. Das was sie brauchen, ist ein virales Power-Verkaufs-System in Kombination mit einem funktionstüchtigen Multi-Level-Marketing. Machen sie es richtig. Geld verdienen kann wie guter Sex sein – billig, dreckig und schnell.

Freilich hat mir mein geschäftlicher Erfolg nicht nur zahlreiche Bewunderer eingebracht sondern auch viele kritische Neider. Die Gründe dafür sind klar: Ihre Werbebotschaft kam bisher nie beim Kunden an, während sich meine tausendfach bewährt hat; ihnen fehlt die Information über Multiple Streams of Internet Income, während ich mein Geld quasi im Schlaf verdiene. Es ist so einfach wie es klingt. Nirgendwo gibt es mehr Millionäre als im Internet. Dennoch erscheint das Gesetz der Sieger vielen als unerklärliche Hydra.

Gleichwohl die Online-Branche durch energetisches Geldverdienen mit passioniertem Kommerz milliardenschwer wurde, gibt es Negativisten, die meinen, im Internet gehe es nicht mit rechten Dingen zu und der Boom sei bloß ein Hype. Lassen sie sich keinen Sand in die Augen streuen. Selbst wenn die Preise für Computer noch heuer ins bodenlose fallen werden (Webbooks um 150 Euro), Software durch Open source bald nichts mehr kosten wird und neuerdings nicht mal mehr die Chinesen zur CeBIT fahren – die „Webciety“ treibt ihre Blüten und ist das Herz der Gesellschaft. Ausgerechnet jetzt, wo alle an einer virtuellen Existenz im Internet basteln, faseln diese Miesepeter was von „Internetblase 2.0“ daher?!
Lassen sie sich davon nicht beeinflussen. Man soll nicht alles, was in den Untiefen des Webs zu lesen ist, für bare Münze nehmen. Denken sie positiv. Bezwingen sie ihren inneren Schweinehund und starten sie noch heute ihre Karriere als One-Minute-Millionair.
Wir sehen uns. In der Online-Marketing-Lounge. Da wo die Kassen klingeln. Ca-ching!

 

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 19 zum Thema „Netzattacke“,
April 2009

Die Gerüchte sind wahr

In SILVER on Januar 1, 2009 at 1:23

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JIMMY DEIX über neue Wegwerf-Computer, „Windows Vienna“ und die besten Fenstertage mit Bill Gates.

„Sch…eibenkleister“, flucht Sunny und wirft seinen Computer aus dem Fenster. Das Resultat einer reinen Affekthandlung in einem unbesonnenen Moment des Irrsinns. Ein totaler Blackout. Wie in Zeitlupe wirbelt das anthrazitfarbene Notebook in den blauen Wolkenhimmel und rotiert mehrmals um die eigene Achse – dazu die anschwellenden Klänge des Donauwalzers … Es ist der letzte Flug der „MS Dos Gericom“, ehe das Ding mit einem fürchterlichen Krach am Asphalt zerschellt. Eine Supernova aus Plastik setzt in Sekundenbruchteilen berstende Chips und splitternde Platinen frei. Dabei hatte Sunny die Kiste erst vor einigen Monaten gekauft – bei irgend einem Lebensmittel-Discounter, um 400 Euro. Seine Ex-Freundin arbeitet dort. So musste er auch nicht anstellen. Jetzt ist das Graffelwerk aber endgültig hin.
Er war in Rage geraten, weil sich gespeicherte Dokumente seiner Arbeit nicht mehr öffnen ließen. Und Sunny nimmt seine Arbeit sehr sehr ernst. Auf billigen Rechnern werden von gewissen Programmen oft nur Testversionen mitgeliefert. Die laufen recht bald ab. Du kriegst deine Files dann nicht mehr auf – auch nicht mit einer älteren Programmversion. Sunny ist einer von diesen Premium-Loser aus Basic Home.

Die aufkeimende Wut hatte sich zunächst in kleinen Schüben bemerkbar gemacht, die immer häufiger auftraten, begleitet von nicht ganz jugendfreien Flüchen. Dann zuckte er völlig aus, was nötig war, um sich Luft zu verschaffen. Sunny würde gerne andrehen, wenn er nur könnte. Aber wenn er redet, hört ihm niemand zu. Weder die Leute beim Kundenservice und seine Ex schon gar nicht. Aus diesem Grund plant er aus dem Hinterhalt des Weinviertels eine gezielte Aktion: Ein Attentat will er aushecken. Etwa auf eine ohnehin geschundene Regalbetreuerin? Nein, auf niemand geringeren als Bill Gates! „Das lasse ich mir nämlich nicht gefallen“, begründet Sunny sein Vorhaben. Bei blankem Terror bekommen wir alle unsere Splitter ab, doch irgendeiner muss schließlich dafür büßen.

Dabei steckt Bill Gates in einer durchaus ähnlichen Situation wie Sunny. Seit kurzem ist auch er gewissermaßen ohne Job. Er arbeitet nicht mehr bei Microsoft. Offiziell war der 27. Juni 2008 sein letzter Arbeitstag. Mit diesem Datum hat sich der Milliardär aus dem operativen Geschäft des Konzerns zurückgezogen. Er überlegt nun, was er mit den exorbitanten Reichtümern seiner Privatstiftung anstellen soll, an karitativem. Schließlich kann Bill nicht all sein Geld in McDonald’s-Aktien investieren. Freunde hat er auch kaum noch – weder bei den Kartellbehörden und schon gar nicht bei der EU-Kommission, die Microsoft seit 15 Jahren regelmäßig verklagt. Laut Forbes Magazine ist er auch nicht länger der reichste Mann der Welt, erstmals seit zehn Jahren, wenn auch nicht derart verarmt wie Sunny.

Sunny geht jetzt öfters mit seinen Hunden spazieren, raus in die freie Natur. Computer hat er ja keinen mehr, an dem er stundenlang hocken könnte. Am nächsten Vormittag telefoniert er mit einer Glaserei in Mistelbach. Das Fenster, durch das er sein Notebook geschleudert hatte, war zur Tatzeit auch noch geschlossen gewesen. Doch vielleicht kann er bald aufatmen. Die Tage von Vista sind gezählt. Wie Insider vermuten, wird das neue Betriebssystem von Microsoft nicht erst Ende dieser Dekade vom Stapel gelassen, sondern bereits 2009. Das soll noch ruhiger laufen. Vielleicht bringt das mehr Stabilität in Sunnys Leben – und mehr Durchblick.
Schon der Name ist eine Verheißung: Der Vista-Nachfolger wird „Windows Vienna“ genannt. Das ist der Codename für Windows 7 während der Entwicklungsperiode. Wieso aber ausgerechnet „Vienna“? Etwa weil dort auch nichts funktioniert?!
Umkehrschlüsse wie diese scheinen zulässig. Immerhin taufte Bill seine Software „Windows“, obwohl er selbst Gates heißt, was ja vielmehr „Tore“ oder „Pforten“ bedeutet und nicht „Fenster“.
Ein Sprecher von Microsoft erklärte aber, man habe sich für „Windows Vienna“ entschieden, weil der Name „die Fantasie anrege“. Die Firma leite Codenamen von Städten ab, „die in der Welt als große Lichtblicke bekannt sind. Orte eben, die jeder sehen und erleben will.“

Bill Gates war bislang vier mal in Wien. Es hat ihm immer ausnehmend gut gefallen. Meist war die Expertenmeinung des ewigen Nerds gefragt – bei hochkarätigen Kongressen oder Round-Table-Gesprächen. Eine Hubschrauber-Landung am Heldenplatz wurde ihm zwar nicht bewilligt, dafür waren die Sicherheitsvorkehrungen enorm, vor allem wegen der Wiener Mehlspeisen. Gates hatte nämlich ausdrücklich anordnen lassen, nur zuckerfreie Getränke und fettarme Kost zu sich zu nehmen. Also kein Apfelstrudel und auch keine Torte, wie damals in Brüssel …

Um Sunny braucht man sich keine Sorgen mehr zu machen. Zwar mutmaßen seine Nachbarn, er sei suizidgefährdet und für einen wie ihn könnte ein Fenster schnell zu einer Tür werden. Seit kurzem lässt er sich aber regelmäßig in der Konditorei seines Heimatdorfes blicken. Neben zwei gammeligen Gaststuben ist es das einzige Lokal in dem elenden Nest, in dem er lebt, wo selbst das Internet keine Prävention für Vereinsamung ist.
Die leuchtenden Vitrinen strotzen vor granuliertem Glück, vor Zucker in Form von Schaumbomben und Esterhazy-Schnitten. Sunny kauft eine Cremetorte im Ganzen. Die spendet Trost. „Wolltest du nicht ein Attentat planen?“ fragen ihn die Dorfleute. „Was willst du mit der riesigen Torte?“. Sunny ist gut im Werfen von Dingen. Er hat ja mit seinem Notebook schon geübt: „Die ist für Bill…“ kontert er mit argwöhnischem Lächeln.

Seht ihr? An Sunny und seinem sonnigen Gemüt kann sich jeder richtiggehend ein Beispiel nehmen.

 

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 18 zum Thema „Upgrade“, Jänner 2009

Wie im schlechten Film

In SILVER on Oktober 1, 2008 at 6:18

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JIMMY DEIX über das gute alte Briefgeheimnis und E-Mails, die der Chef besser nicht lesen sollte.

François und Jean-Luc sitzen in ihrem Lieblings-Bistro, um an einem Freitag wie diesem über die ausklingende Arbeitswoche zu reüssieren. Heiße Luft, mit einem Hauch von Anis, umweht die Bar.
„Alles was Recht ist“, schimpft François, „aber das geht zu weit“.
Sein Kollege Jean-Luc kann ihm nur beipflichten:
„Der Alte muss wirklich eine Schüss ’aben“.
Die üble Rede ist von François’ Chef, der sich neuerdings die Ungeheuerlichkeit herausnimmt, in den privaten E-Mails seiner Mitarbeiter zu stöbern. Dank einer neuen Regelung darf er das nämlich. Genaugenommen darf er es eigentlich nicht, aber er tut es trotzdem, denn die Grundrechte, die unsere Privatsphäre schützen, sind bald keinen müden Cent mehr wert, sondern schwammig, wie eine rauchige Morchel aus den Wäldern von Saint-Alyre d’Arlanc.

„Dreh keinen Film“, relativiert Jacques, der hinter dem Tresen mit einem weißen Tuch die Gläser sanft poliert. „Steht ja doch nur uninteressanter Schmarren in deinen Mails“.
„Oui, aber es geht ums Prinzip“, erbost sich François. „Das ist eine Aufweichung von Paragraph 118 des Strafgesetzbuches. Schon mal was von Briefgeheimnis ge’ört?“
Um seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen, hebt François den wimmernden Tonfall noch mehr an, bis zwangsläufig das halbe Lokal von der spannenden Konversation Notiz nimmt.
„Also, mir kann das nicht passieren“, ruft Claude dazwischen, der mitgelauscht hat und nun zur Bar tritt, um einen Pernod zu ordern. „Ich verschicke aus dem Bureau keine privaten Mails – dafür chatte ich stundenlang. Und wenn mir fad ist, spiele ich eine Partie Online-Schach auf Gametwist“.
„Mon ami, du bist offenbar nicht auf dem aktuellen Stand“, entgegnet Jean-Luc belehrend. „Noch nie von ‚Keylogger‘ oder ‚Orvell Monitoring‘ ge’ört? Das sind Programme, damit kann dein Chef jeden deiner Tastendrucke nachvollziehen. Gibt es in jedem Spy-Shop um einen Papp.
Claude hält schlagartig die Klappe. Ein unfeines „Merde“ will seinen Lippen gerade noch entfleuchen. Würde sein Chef tatsächlich so fies sein und seine Chaos-Information rekonstruieren, auch wenn diese privat bestimmt ist? Etwa wenn seine Gattin ihm schreibt: „Schatz, ’ol du die Kleine vom Kindergarten, ich muss zur Kosmetikerin“. Oder wenn er antwortet: „Chérie, vergiss im Penny Markt nicht auf die Palette Schwechater“.
Das ist ja total peinlich. Vielleicht würde ihm sogar auffallen, was für ein erbärmlicher Schachspieler er ist. Claude wird immer blasser um die Nase und braucht dringend etwas, um sich daran festzuhalten: „Jacques, bitte noch einen Pernod“.

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Darf Jorge Haider demnach in den geheimen Protokollen von Pierre Westenthaler schnüffeln? Oder Nicolas Sarkozy in Carla Brunis Poesie-Album?
„Wozu einen Virenschutz, wenn einem dann der eigene Chef einen Trojaner einpflanzt“, klagt François. „Das Schlimme ist, dass man nicht unsere Mails lesen möchte, sondern unsere Gedanken. Glaube mir, ich bin paranoid genug“.
„Ich ’abe nichts zu verbergen“, bekundet Romy, die sich gerade ein Achtel Beaujolais nachschenken hat lassen und sich der Diskussion anschließt. „Ich kopiere die Dialoge meiner Chats immer in einen Ordner und reiche sie dann bei der Filmförderung als Drehbuch ein“, gibt sie an. „So brillante One-liner kriegen die sonst nie. Ist doch besser als Nägel feilen“.

Jeder ist ersetzbar. Auch der Chef.
„Ich bekomme keine Mails, da ich ohnehin kein Privatleben mehr ’abe“, seufzt Jean-Luc. „Aber ich kannte mal eine Lobbyistin – sie hieß Monique – die las die Mails ihrer Vorgesetzten. So gelang es ihr, ein Mail des Personalchefs an die Buchhaltung abzufangen. In dem stand, man solle ihr auf keinen Fall die Überstunden ausbezahlen. Sie zog vor Gericht und gewann. Was für eine Frau. Der Personalchef wurde dann später Finanzminister von République d’Autriche“.
„Mit eigene page Web personnel?“ kichert Romy. „So ein ausgebuffter ’alunke“.
„Surfen im Bureau?“ brüllt Jean-Luc. „Vergiss es. Es gibt Firmen, da dürfen Mitarbeiter nicht einmal die ORF-Website besuchen. Blamabel, wie einem so der Zugang zu gehaltvollem Qualitäts-Journalismus verwehrt wird“.
„Ich bin mir mein eigener Chef, also darf ich auch meine E-Mails lesen“, beteuert Jacques, und hält ein frisch poliertes Glas gegen das Licht, um es auf Fingerabdrücke zu überprüfen.
Plötzlich stürzt Alfred zu Tür herein, der Inhaber des Bistros, und ruft allen zu:
„Total lustig, ihr seid alle im Bild“. Den fragenden Blicken seiner Gäste entgegenwirkend, erklärt er, dass er über der Bar eine kleine Videokamera installiert habe, durch die er alle Geschehnisse in seinem Bistro mitverfolgen und aufzeichnen kann: Wer aller hier sei, ob der Umsatz laufe und ob das Personal gefälligst schuftet. „Los, winkt alle mal – das stellen wir dann bei Youtube rein!“
François, Jean-Luc, Claude, Romy und Jacques geben Alfred unmissverständlich zu verstehen, dass sie diesen indiskreten Klimbim eher nicht gutheißen wollen.
„Was habt ihr alle bloß“, fragt Alfred. „Es ist nur ein Film …“
„Oui, Alfred“, so die Gäste unisono. „Aber ein verdammt schlechter“.

Und sie tanzten eine Nacht in Paris den letzten Tango bis zur ersten Metro und nahmen außer Atem den Fahrstuhl zum Schafott.
– Alle wütend ab. 

 

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 17 zum Thema „Film“, Oktober 2008