Reality Mining

Oktober 1, 2009 von Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über das positive Potenzial des Datenschürfens für soziale Zwecke und über neue, durchaus sinnvolle Geschäftsfelder für die Mobilfunkindustrie.

Die Idee ist brillant und ebenso einfach und vielleicht sogar bahnbrechend für das 21. Jahrhundert. Sandy Pentland – Informatiker am MIT (Massachusetts Institute of Technology) – ist Wegbereiter einer methodischen Theorie, die sich als Alternative zum drohenden Überwachungsstaat erweisen könnte: Reality Mining – eine neue Technologie, die aus der Datenflut Erkenntnisse über menschliches Verhalten gewinnt, um sie für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Nicht bloß für Werbezwecke, sondern auch um Regierungskrisen, Pandemien oder Verkehrsstaus vorhersagen zu können. Im Prinzip ist Reality Mining wie Data Mining, also Datenschürfen, dem hier allerdings ein durchaus humanistischer Ansatz zugrunde liegt. Es soll uns befähigen, durch die Analyse digitaler Spuren, die wir täglich im Cyberspace hinterlassen, die Muster menschlichen Daseins besser zu verstehen – in elektronischen Netzwerken, im Stadtverkehr, beim Einkauf oder am Telefon … Denn ist es nicht so, dass unser Handy oft mehr über uns weiß als wir selbst?

Vor zehn Jahren hatte die Hälfte der Menschheit noch nie ein Telefonat getätigt; nur 20 Prozent der Weltbevölkerung hatte regelmäßigen Zugang zum Fernmeldewesen. Heute besitzen vier Milliarden Menschen ein Mobiltelefon – so eine Studie des Weltwirtschaftsforums –, und täglich kommen 700.000 Vertragspartner hinzu. In OECD-Ländern sind Handys um 10 Dollar erhältlich, wodurch nahezu alle Gesellschaftsschichten in Verbindung stehen. Zum ersten Mal ist der Großteil der Menschheit verlinkt, und auch die Dritte Welt hat eine Stimme.

Trotz dieser Zahlen ist die Mobilfunkindustrie ins Straucheln geraten. Das Wachstum ist gebremst, neue Investitionen erfolgen kaum, und die EU drückt die Gebühren (Roaming). Für Sandy Pentland ist ein Mobiltelefon jedoch mehr als nur Sprechapparat oder Abspielgerät für Clips mit singenden Fröschen. Aus der Sicht von Reality Mining sollte jedes einzelne wie ein „sozialer Sensor“ fungieren, wodurch das dichte GSM-Netz zu einem „sensiblen, globalen Nervensystem“ mutiert, aus dem das Sozialverhalten von Bevölkerungsgruppen statistisch lesbar wird. Noch generiert die Mobilfunkbranche 82 Prozent ihrer Einkünfte aus der herkömmlichen Vermittlung von Telefongesprächen. Ein neues Geschäftsfeld stellt Mobilfunkanbietern jedoch rosige Zeiten in Aussicht, nämlich durch den Handel mit Daten ihrer Kunden.

„In wenigen Jahren werden 90 Prozent aller Daten der Welt personenbezogene Daten sein“, schätzt Jeff M. Nick, Vizepräsident und CTO (Chief Technology Officer) bei EMC, dem weltweit führenden Entwickler von Informationsinfrastrukturen. Traut man Firmen wie Sense Networks und Path Intelligence – die ersten kommerziellen Gehversuche von Reality Mining –, würden die Persönlichkeitsrechte der Kunden dabei gänzlich unberührt bleiben. Reality Mining filtert keine Daten über Personen – es schöpft aus dem wirklichen Leben. Für Studien von Kommunikations- und Mobilitätsmuster ist die Identität des Einzelnen nicht relevant. Reality Mining treibt den Datenschutz eher voran, als ihn zu unterminieren. Schon morgen könnte die EU eine Eintragung in die Grundgesetze veranlassen, dass Daten einzig und allein jener Person gehören, von der sie stammen. Sie allein darf entscheiden, ob und wie diese verwendet werden. Pentland spricht von einem „New Deal on Data“.

Von Mobilität zu Allgegenwart
Die Direktive von Werbung, Vertriebsplanung wie auch von Regierungsämtern beruht gegenwärtig auf demografischen Daten. Durch deren Abgleichung mit Ergebnissen des Reality Mining könnten Regierungen weit präziser auf die Bedürfnisse der Bürger eingehen, als es etwa durch Volkszählungen und Meinungsumfragen möglich ist. Reality Mining stellt eine Kapazität für die Sammlung und Auswertung von Daten in einer Breite und Tiefe dar, die zuvor undenkbar war, für eine Vielzahl an Anwendungen. Man könnte feststellen, ob McDonald’s-Kunden auch zu Burger King gehen, aber ebenso Konjunkturrückgänge durchleuchten, Kriterien der Lebensqualität ermessen oder Finanzindexe für verschiedene Regionen entwickeln.

Wie im Großen funktioniert Reality Mining auch im Kleinen, etwa innerhalb von Organisationen. Der CEO einer Firma beruft beispielsweise ein Meeting mit den Abteilungsleitern aus Werbung und Vertrieb ein. Es gibt Mineral und Orangensaft, und die nächsten Stunden ist niemand telefonisch erreichbar. In der Folge gehen E-Mails mit weiterführenden Infos hin und her und das Projekt nimmt seinen Lauf. Reality Mining misst, wer mit wem wann wie oft spricht und wie viele elektronische Nachrichten mit diesem Austausch täglich einhergehen, und kann etwa die Korrelation zwischen Mails und Direktgesprächen grafisch sichtbar machen. Doch herrje, wenn nun erkennbar wird, dass keines der involvierten Departments den Kundenservice informierte, der das Projekt schließlich an der Kundenfront umsetzen soll? Der CEO weiß nun, dass er dem Kundenservice am besten selbst einen Besuch abstattet, um den Mitarbeitern persönlich „Guten Tag“ zu sagen.

Reality Mining erweist sich in diesem Fall als praktisches Instrument zur Steuerung innerbetrieblicher Kommunikation. Die Firmenleitung erkennt, welche Gruppe kreativ ist, welche überfordert und Fehler begeht, und welche Mitarbeiter in einem „Informationsghetto“ leben und von nichts wissen. Die Schließung einer solchen Lücke kann die Produktivität der Abteilung um bis zu 40 Prozent steigern.

Das unerschöpfliche Potenzial von Reality Mining lässt vieles, wofür IT heute genutzt wird, geradezu unbedeutend erscheinen. Das Forschungsmagazin Technology Review reiht es gar unter die „10 aufstrebenden Technologien, die die Welt verändern werden“. Die Hoffnung für die Gesellschaft liegt darin, dass dieses neue, tiefer gehende Verständnis von individuellem Verhalten die Effizienz und Reaktionsfähigkeit von Industrien und Regierungen erhöhen würde. Die Einzelperson könnte eine Welt erfahren, in der sich viele Dinge bequem von selbst erledigen – der Termin für eine Gesundheitsuntersuchung könnte bereits fixiert sein, sobald man beginnt, krank zu werden; der Bus käme, sobald man bei der Haltestelle eintrifft, und bei Großveranstaltungen gäbe es keine Warteschlangen mehr.
Reality Mining weist spielerischen Charakter auf. Und ermunternde Hinweise darauf, dass Technologie auch eine Macht des Guten sein kann, hat unsere Digitalgesellschaft ohnehin mehr als dringend nötig.

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 21 zum Thema „Industrie“,
Oktober 2009

Realutopie NWO

Juli 1, 2009 von Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über die Bedeutung der modernen Informationstechnologie als wesentlicher Baustein für die neue Weltregierung.

Die sogenannte Weltregierung ist nicht mehr länger das Hirngespinst einer durchgeknallten Verschwörungstheorie, sondern ein durchaus realpolitisches Ziel der Gegenwart. Nicht nur George Bush, auch Barack Obama beschwört die New World Order (NWO) – ebenso wie Gordon Brown, Nicolas Sarkozy, José Barroso oder Hillary Clinton. Es ist die Inszenierung einer neuen politischen Ideologie, die friedliche Lösungen für globale Probleme schaffen will, die ein Nationalstaat alleine nicht lösen kann: Terrorismus, Finanzkrise, CO2-Emissionen, Wirtschaftskriminalität, ominöse Pandemien.

Um Probleme zu lösen, ist Information erforderlich. Ihre Beschaffung und Verwaltung basiert heute längst auf Technologie – der Informationstechnologie (IT). Sie ist zur festen Größe staatlichen Handelns geworden (E-Government) und steht nun davor, in die Grundgesetze aufgenommen zu werden. Genau genommen hinkt die Politik aber einer Entwicklung hinterher, die von der modernen IT deutlich vorgegeben wurde, denn letztendlich war es die digitale Revolution, der PC und das Internet, die das Phänomen der Globalisierung bewirkten.

Eine entsprechende Infrastruktur wäre natürlich auch für die Organisation einer neuen Weltordnung unerlässlich – für den administrativen Bereich, wie auch für demokratische Prozesse, falls diese überhaupt verwirklichbar sind, denn Kritiker halten die NWO für eine Schimäre, die im besten Fall undurchführbar und im schlechtesten Fall gefährlich ist. Eine Neue Weltregierung käme einer voll entwickelten, digital kontrollierten Gesellschaft gleich, würde eine Aufweichung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker und ihrer Souveränität mit sich bringen und wäre eine von Banken dominierte Plutokratie.

Optimistische Weltföderalisten befürworten hingegen, dass die Stärkung bestehender Netzwerke und die Entwicklung neuer eine aufrichtige, globale Rechtsstaatlichkeit schaffen könnten, ohne zentralisierte globale Institutionen – die World Federalist Association, die Interparlamentarische Union und One World Flag sind nur einige davon.

Marina del Ray ist eine kleine Küstenstadt in Kalifornien. Hier sitzt die Non-Profit-Organisation ICANN, die als Weltmonopol die Vergabe aller Top-Level-Domains und IP-Adressen regelt. Dies betrifft auch die Webpräsenz von Ministerien und Behörden in aller Welt. ICANN verwaltet sozusagen das Internet und ist indirekt der US-Regierung unterstellt. Das Abschalten oder Umleiten bestimmter Top-Level-Domains ist somit kein Problem. Etwa als Druckmittel zur Durchsetzung politischer Ziele. Die Dominanz der USA im Internet stand immer wieder im Zeichen der Kritik.

Die Vereinten Nationen riefen demnach das Internet Governance Forum (IGF) ins Leben, ein Schaumschläger-Komitee, das für „Weltinformationsordnung“ und mehr „Cybersecurity“ sorgen will. Beim letzten „Weltgipfel für die Informationsgesellschaft“ des Forums in Tunis kam es zum Eklat. Sicherheitsleute verprügelten kritische Journalisten. Ihre Fragen waren zu provokant. Es ging um Menschenrechte.

Hinter der Agenda NWO stehen als treibende Kraft die Vereinten Nationen, die G20, der Internationale Währungsfond, die Weltbankgruppe, das Council of Foreign Relations (CFR), die Bilderberger und die Trilaterale Kommission. Die Neue Weltordnung soll Frieden, Sicherheit, Abrüstung und Wohlstand bringen. Eine Reform unserer sozialkapitalistischen Wertegesellschaft ist sie jedoch keine. Schon eher würde sie einen neuen Feudalismus repräsentieren. Eine globale Autokratie einer Elite, die mit dem Zusammenschluss der Nationalbanken der Welt nicht nur das Finanzsystem steuern würde, sondern auch die Politik und die Kultur. Gemeinsam mit dem Internet würde ein Hi-Tech-Babylon entstehen, das kaum mehr auf freier Marktwirtschaft beruht. Und der Verlust von Wettbewerb ist immer ein Einschnitt in die individuelle Freiheit. Auch die Feindbilder der NWO sind bereits klar definiert: Individualismus, Bindung zu Familientraditionen, nationaler Patriotismus und religiöse Dogmas.

Barack Obama ist der erste Präsident der USA, der über eine beinahe diktatorische Macht verfügt. Das liegt nicht an seinen rhetorischen Fähigkeiten, sondern an den höchst antidemokratischen Gesetzen, die sein Vorgänger George Bush in den acht Jahren nach 9/11 verabschiedete – vom USA PATRIOT Act bis zu den besonderen Vollmachten des nationalen Katastrophenschutzes (FEMA).

Kürzlich wurde von Barack Obama die Sicherheit des Internet zur Staatssache erklärt. Er hat angekündigt, einen Sonderbeauftragten für Internetsicherheit ins Weiße Haus zu bestellen. Streng geheime Computernetzwerke des Pentagon waren schon mehrmals gefährlichen Cyberattacken ausgesetzt, was nach Insider-Informationen zur ernsthaften Bedrohung für die nationale Sicherheit werden könnte. Die Bevölkerung der USA befürchtet daher auch stark die Archivierung von Internetsearches und Data-Mining – operative Information, die der Regierung auch zur Entscheidungsfindung dient. Unzählige Firmen, von denen wir noch nie gehört haben, wissen einiges über uns: medical concerns, sexual concerns … was wir auf YouTube schauen, was wir googeln …

Natürlich hat auch die neue Weltregierung Schutzinteressen und muss effiziente Methoden entwickeln, um Cybercrime zu unterbinden und den Cyberwar abwenden zu können. Wie unschwer zu erkennen, ist der totalitäre Globalismus kein Versprechen, sondern eher eine Drohung – und bestenfalls die Travestie einer Demokratie.

Nach der Gründung der Nordamerikanischen Union (USA, MEX, CAN), die anstelle des schwachen Dollar den „Amero“ einführen möchte, wäre weiters mit der endgültigen Ratifizierung der Euro-Charta der nächste Meilenstein in Richtung NWO erreicht.

Silver-20

Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 20 zum Thema „Trends, Hypes und Blasen“,
Juli 2009

Online reich werden

April 1, 2009 von Jimmy Deix

Geld

JIMMY DEIX über schnell und leicht verdientes Geld im Internet – ohne Risiko, Vorkenntnisse und Arbeitsaufwand.

Seinen Namen haben sie sicher schon mal wo gehört. Er ist so ein Typ, der freiwillig Fragebögen ausfüllt und gerne alles von sich preisgibt. Er checkt automatisiert auf Flughäfen ein; bestellt bei Versandhäusern Waren (die er dann selber von der Post abholt) und baut eigenhändig Regale aus schwedischen Möbelhäusern zusammen.

Als ich Freunden und Bekannten erzählte, dass ich mein Geld künftig über das Internet verdienen werde, lachten sie mich aus. Bei mir sei bestimmt eine Schraube locker, dachten sie. Doch ich legte mich ordentlich ins Zeug und als ich ihnen nach nur vier Wochen meine erste Abrechnung zeigte, waren sie völlig baff und fragten: „Wie geht denn das???“
Nachdem sich sämtliche Lebensbereiche völlig an die Digitalisierung angepasst haben, kann heute ein gesundes Einkommen nur durch adäquate Maßnahmen garantiert werden, damit auch in Zukunft all die Dinge leistbar sind, die einem viel bedeuten: Feine Anzüge, rasante Fahrzeuge, Traum-Immobilien, Restaurantbesuche, Urlaube … Jetzt habe ich es endlich geschafft! Nach nur vier Monaten verdiene ich Online mehr als in meiner letzten hauptberuflichen Tätigkeit. Und das Beste an meiner neuen Cash-Methode: Sie ist völlig risikolos und fordert bloß eine halbe Stunde Zeit am Tag. Sollen doch andere frühmorgens über die Tangente rauschen – ich entspanne mich einstweilen am Swimmingpool und rauche dicke Zigarren.

In letzter Zeit werde ich in meinem Bekanntenkreis überaus freundlich und zuvorkommend behandelt. Ich erhalte laufend Einladungen zum Essen und zu schicken Partys. Meine Gastgeber holen ihre besten Weine aus dem Keller und wenn ich in einer Bar nach der Rechnung verlange, erfahre ich, dass mein Campari bereits bezahlt wurde. Dieses Wohlwollen meiner Person gegenüber hat natürlich einen Grund: Man will mich ausfratscheln und mehr über mein ausgefeiltes Geldherstellungssystem erfahren. Zunächst war ich ein wenig befangen, meine lukrative Geschäftsidee preiszugeben, doch da ich kein Unmensch bin und ohnehin ausgesorgt habe, weihe ich auch andere in die goldenen Regeln des Wohlstandes ein. Wir arbeiten weltweit mit einem Team von mehreren tausend Partnern und stehen via Internet, Skype und Telefon täglich in Kontakt. Wir geben uns vertrauliche Insider-Tipps über gigantische Marktlücken im virtuellen Raum. Gegen kleine Unkostenbeiträge erhalten Start-up-Gründer ein sagenumwobenes PDF, in dem die Hebelwirkungen gewinnbringender Web-Mechanismen genau beschrieben sind. Mein Report über die 4-Stunden-Woche und die Prinzipien der finanziellen Freiheit hat das Leben vieler positiv verändert.
Ich verteile Coupons mit begehrten Zugangscodes zu meiner Website. Dort erfahren neue Interessenten mehr über meine Karrierephilosophie: „Träume nicht Dein leben, sondern lebe Deinen Traum“. Kalendersprüche wie diese emotionalisieren einfach jeden. Und ich achte darauf, dass meine Website mit dürftigem Design möglichst uncool und bescheuert aussieht, sodass der topmotivierte Besucher denkt: Was der Trottel kann, das kann ich schon lange.

ABCASHEN MIT METHODE
– BILLIG, DRECKIG UND SCHNELL
Das Internet ist eine Weidefläche für „Cash cows“ die man bloß zu melken braucht. Doch nicht jeder wendet die richtige Profitaktik an. Viele Leute platzen vor Neugier und fragen sich: Verdammt, womit handelt er? Mit Ablaichbürsten für Koi-Fische?! Mit einem speziellen Haarshampoo?! Es ist völlig egal welche Nachfrage ihr Angebot befriedet, solange sie mit einem hochprofitablen Strukturverdienstmodell Einnahmen generieren, wie ich es in meinem 100.000-Euro-DVD-Seminar näher beleuchte.
Wollen auch sie sich beruflich verändern, haben aber keine Ahnung wie? Möchten auch sie von der neuen Orthodoxie marktwirtschaftlichen Treibens profitieren, haben aber noch kein Produkt das sie verkaufen könnten? Kurz: Ihnen fehlt die richtige Strategie um ein Vermögen zu schaffen? Dann sind sie bei mir genau richtig. Da sie es bis hierher geschafft haben, nehme ich an, dass sie ernsthaft interessiert sind. Erfolgreiche Jahre im Web stehen ihnen bevor. Sie sind auf dem besten Weg, ein Online-Multimillionär zu werden, so wie ich, der ihnen die Geheimformel MMF anvertraut (Make Money Fast). Sie schaffen es! Alles was sie brauchen, ist ein Einkommensplan mit messbarem Hochgeschwindigkeitserfolg.

Es gibt viele interessante Ansätze für eine neue Wirtschaft im Internet: Als Referral-Partner bei einem Paidmailer verdienen sie an jedem Werbemail das sie lesen; durch Linkbanner auf ihrer Website kassieren sie mit Affiliate-Netzwerkprogrammen satte Click-Provisionen; als AdSense-Profiteur bei Google kompensieren sie ihre IT-Kosten; mit Besuchertausch-Systemen steigern sie den Bekanntheitsgrad ihrer Website dank Turbo-Traffic – Jeder kann sich im Internet selbstständig machen. Doch Gangsterrap ist anders. Für einen potentiellen Tycoon wie sie, sind das nur Peanuts. Sie haben besseres verdient. Das was sie brauchen, ist ein virales Power-Verkaufs-System in Kombination mit einem funktionstüchtigen Multi-Level-Marketing. Machen sie es richtig. Geld verdienen kann wie guter Sex sein – billig, dreckig und schnell.

Freilich hat mir mein geschäftlicher Erfolg nicht nur zahlreiche Bewunderer eingebracht sondern auch viele kritische Neider. Die Gründe dafür sind klar: Ihre Werbebotschaft kam bisher nie beim Kunden an, während sich meine tausendfach bewährt hat; ihnen fehlt die Information über Multiple Streams of Internet Income, während ich mein Geld quasi im Schlaf verdiene. Es ist so einfach wie es klingt. Nirgendwo gibt es mehr Millionäre als im Internet. Dennoch erscheint das Gesetz der Sieger vielen als unerklärliche Hydra.

Gleichwohl die Online-Branche durch energetisches Geldverdienen mit passioniertem Kommerz milliardenschwer wurde, gibt es Negativisten, die meinen, im Internet gehe es nicht mit rechten Dingen zu und der Boom sei bloß ein Hype. Lassen sie sich keinen Sand in die Augen streuen. Selbst wenn die Preise für Computer noch heuer ins bodenlose fallen werden (Webbooks um 150 Euro), Software durch Open source bald nichts mehr kosten wird und neuerdings nicht mal mehr die Chinesen zur CeBIT fahren – die „Webciety“ treibt ihre Blüten und ist das Herz der Gesellschaft. Ausgerechnet jetzt, wo alle an einer virtuellen Existenz im Internet basteln, faseln diese Miesepeter was von „Internetblase 2.0“ daher?!
Lassen sie sich davon nicht beeinflussen. Man soll nicht alles, was in den Untiefen des Webs zu lesen ist, für bare Münze nehmen. Denken sie positiv. Bezwingen sie ihren inneren Schweinehund und starten sie noch heute ihre Karriere als One-Minute-Millionair.
Wir sehen uns. In der Online-Marketing-Lounge. Da wo die Kassen klingeln. Ca-ching!

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 19 zum Thema „Netzattacke“,
April 2009

Die Gerüchte sind wahr

Januar 1, 2009 von Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über neue Wegwerf-Computer, „Windows Vienna“ und die besten Fenstertage mit Bill Gates.

„Sch…eibenkleister“, flucht Sunny und wirft seinen Computer aus dem Fenster. Das Resultat einer reinen Affekthandlung in einem unbesonnenen Moment des Irrsinns. Ein totaler Blackout. Wie in Zeitlupe wirbelt das anthrazitfarbene Notebook in den blauen Wolkenhimmel und rotiert mehrmals um die eigene Achse – dazu die anschwellenden Klänge des Donauwalzers … Es ist der letzte Flug der „MS Dos Gericom“, ehe das Ding mit einem fürchterlichen Krach am Asphalt zerschellt. Eine Supernova aus Plastik setzt in Sekundenbruchteilen berstende Chips und splitternde Platinen frei. Dabei hatte Sunny die Kiste erst vor einigen Monaten gekauft – bei irgend einem Lebensmittel-Discounter, um 400 Euro. Seine Ex-Freundin arbeitet dort. So musste er auch nicht anstellen. Jetzt ist das Graffelwerk aber endgültig hin.
Er war in Rage geraten, weil sich gespeicherte Dokumente seiner Arbeit nicht mehr öffnen ließen. Und Sunny nimmt seine Arbeit sehr sehr ernst. Auf billigen Rechnern werden von gewissen Programmen oft nur Testversionen mitgeliefert. Die laufen recht bald ab. Du kriegst deine Files dann nicht mehr auf – auch nicht mit einer älteren Programmversion. Sunny ist einer von diesen Premium-Loser aus Basic Home.

Die aufkeimende Wut hatte sich zunächst in kleinen Schüben bemerkbar gemacht, die immer häufiger auftraten, begleitet von nicht ganz jugendfreien Flüchen. Dann zuckte er völlig aus, was nötig war, um sich Luft zu verschaffen. Sunny würde gerne andrehen, wenn er nur könnte. Aber wenn er redet, hört ihm niemand zu. Weder die Leute beim Kundenservice und seine Ex schon gar nicht. Aus diesem Grund plant er aus dem Hinterhalt des Weinviertels eine gezielte Aktion: Ein Attentat will er aushecken. Etwa auf eine ohnehin geschundene Regalbetreuerin? Nein, auf niemand geringeren als Bill Gates! „Das lasse ich mir nämlich nicht gefallen“, begründet Sunny sein Vorhaben. Bei blankem Terror bekommen wir alle unsere Splitter ab, doch irgendeiner muss schließlich dafür büßen.

Dabei steckt Bill Gates in einer durchaus ähnlichen Situation wie Sunny. Seit kurzem ist auch er gewissermaßen ohne Job. Er arbeitet nicht mehr bei Microsoft. Offiziell war der 27. Juni 2008 sein letzter Arbeitstag. Mit diesem Datum hat sich der Milliardär aus dem operativen Geschäft des Konzerns zurückgezogen. Er überlegt nun, was er mit den exorbitanten Reichtümern seiner Privatstiftung anstellen soll, an karitativem. Schließlich kann Bill nicht all sein Geld in McDonald’s-Aktien investieren. Freunde hat er auch kaum noch – weder bei den Kartellbehörden und schon gar nicht bei der EU-Kommission, die Microsoft seit 15 Jahren regelmäßig verklagt. Laut Forbes Magazine ist er auch nicht länger der reichste Mann der Welt, erstmals seit zehn Jahren, wenn auch nicht derart verarmt wie Sunny.

Sunny geht jetzt öfters mit seinen Hunden spazieren, raus in die freie Natur. Computer hat er ja keinen mehr, an dem er stundenlang hocken könnte. Am nächsten Vormittag telefoniert er mit einer Glaserei in Mistelbach. Das Fenster, durch das er sein Notebook geschleudert hatte, war zur Tatzeit auch noch geschlossen gewesen. Doch vielleicht kann er bald aufatmen. Die Tage von Vista sind gezählt. Wie Insider vermuten, wird das neue Betriebssystem von Microsoft nicht erst Ende dieser Dekade vom Stapel gelassen, sondern bereits 2009. Das soll noch ruhiger laufen. Vielleicht bringt das mehr Stabilität in Sunnys Leben – und mehr Durchblick.
Schon der Name ist eine Verheißung: Der Vista-Nachfolger wird „Windows Vienna“ genannt. Das ist der Codename für Windows 7 während der Entwicklungsperiode. Wieso aber ausgerechnet „Vienna“? Etwa weil dort auch nichts funktioniert?!
Umkehrschlüsse wie diese scheinen zulässig. Immerhin taufte Bill seine Software „Windows“, obwohl er selbst Gates heißt, was ja vielmehr „Tore“ oder „Pforten“ bedeutet und nicht „Fenster“.
Ein Sprecher von Microsoft erklärte aber, man habe sich für „Windows Vienna“ entschieden, weil der Name „die Fantasie anrege“. Die Firma leite Codenamen von Städten ab, „die in der Welt als große Lichtblicke bekannt sind. Orte eben, die jeder sehen und erleben will.“

Bill Gates war bislang vier mal in Wien. Es hat ihm immer ausnehmend gut gefallen. Meist war die Expertenmeinung des ewigen Nerds gefragt – bei hochkarätigen Kongressen oder Round-Table-Gesprächen. Eine Hubschrauber-Landung am Heldenplatz wurde ihm zwar nicht bewilligt, dafür waren die Sicherheitsvorkehrungen enorm, vor allem wegen der Wiener Mehlspeisen. Gates hatte nämlich ausdrücklich anordnen lassen, nur zuckerfreie Getränke und fettarme Kost zu sich zu nehmen. Also kein Apfelstrudel und auch keine Torte, wie damals in Brüssel …

Um Sunny braucht man sich keine Sorgen mehr zu machen. Zwar mutmaßen seine Nachbarn, er sei suizidgefährdet und für einen wie ihn könnte ein Fenster schnell zu einer Tür werden. Seit kurzem lässt er sich aber regelmäßig in der Konditorei seines Heimatdorfes blicken. Neben zwei gammeligen Gaststuben ist es das einzige Lokal in dem elenden Nest, in dem er lebt, wo selbst das Internet keine Prävention für Vereinsamung ist.
Die leuchtenden Vitrinen strotzen vor granuliertem Glück, vor Zucker in Form von Schaumbomben und Esterhazy-Schnitten. Sunny kauft eine Cremetorte im Ganzen. Die spendet Trost. „Wolltest du nicht ein Attentat planen?“ fragen ihn die Dorfleute. „Was willst du mit der riesigen Torte?“. Sunny ist gut im Werfen von Dingen. Er hat ja mit seinem Notebook schon geübt: „Die ist für Bill…“ kontert er mit argwöhnischem Lächeln.

Seht ihr? An Sunny und seinem sonnigen Gemüt kann sich jeder richtiggehend ein Beispiel nehmen.

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 18 zum Thema „Upgrade“, Jänner 2009

Wie im schlechten Film

Oktober 1, 2008 von Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über das gute alte Briefgeheimnis und E-Mails, die der Chef besser nicht lesen sollte.

François und Jean-Luc sitzen in ihrem Lieblings-Bistro, um an einem Freitag wie diesem über die ausklingende Arbeitswoche zu reüssieren. Heiße Luft, mit einem Hauch von Anis, umweht die Bar.
„Alles was Recht ist“, schimpft François, „aber das geht zu weit“.
Sein Kollege Jean-Luc kann ihm nur beipflichten:
„Der Alte muss wirklich eine Schüss ’aben“.
Die üble Rede ist von François’ Chef, der sich neuerdings die Ungeheuerlichkeit herausnimmt, in den privaten E-Mails seiner Mitarbeiter zu stöbern. Dank einer neuen Regelung darf er das nämlich. Genaugenommen darf er es eigentlich nicht, aber er tut es trotzdem, denn die Grundrechte, die unsere Privatsphäre schützen, sind bald keinen müden Cent mehr wert, sondern schwammig, wie eine rauchige Morchel aus den Wäldern von Saint-Alyre d’Arlanc.

„Dreh keinen Film“, relativiert Jacques, der hinter dem Tresen mit einem weißen Tuch die Gläser sanft poliert. „Steht ja doch nur uninteressanter Schmarren in deinen Mails“.
„Oui, aber es geht ums Prinzip“, erbost sich François. „Das ist eine Aufweichung von Paragraph 118 des Strafgesetzbuches. Schon mal was von Briefgeheimnis ge’ört?“
Um seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen, hebt François den wimmernden Tonfall noch mehr an, bis zwangsläufig das halbe Lokal von der spannenden Konversation Notiz nimmt.
„Also, mir kann das nicht passieren“, ruft Claude dazwischen, der mitgelauscht hat und nun zur Bar tritt, um einen Pernod zu ordern. „Ich verschicke aus dem Bureau keine privaten Mails – dafür chatte ich stundenlang. Und wenn mir fad ist, spiele ich eine Partie Online-Schach auf Gametwist“.
„Mon ami, du bist offenbar nicht auf dem aktuellen Stand“, entgegnet Jean-Luc belehrend. „Noch nie von ‚Keylogger‘ oder ‚Orvell Monitoring‘ ge’ört? Das sind Programme, damit kann dein Chef jeden deiner Tastendrucke nachvollziehen. Gibt es in jedem Spy-Shop um einen Papp.
Claude hält schlagartig die Klappe. Ein unfeines „Merde“ will seinen Lippen gerade noch entfleuchen. Würde sein Chef tatsächlich so fies sein und seine Chaos-Information rekonstruieren, auch wenn diese privat bestimmt ist? Etwa wenn seine Gattin ihm schreibt: „Schatz, ’ol du die Kleine vom Kindergarten, ich muss zur Kosmetikerin“. Oder wenn er antwortet: „Chérie, vergiss im Penny Markt nicht auf die Palette Schwechater“.
Das ist ja total peinlich. Vielleicht würde ihm sogar auffallen, was für ein erbärmlicher Schachspieler er ist. Claude wird immer blasser um die Nase und braucht dringend etwas, um sich daran festzuhalten: „Jacques, bitte noch einen Pernod“.

Darf Jorge Haider demnach in den geheimen Protokollen von Pierre Westenthaler schnüffeln? Oder Nicolas Sarkozy in Carla Brunis Poesie-Album?
„Wozu einen Virenschutz, wenn einem dann der eigene Chef einen Trojaner einpflanzt“, klagt François. „Das Schlimme ist, dass man nicht unsere Mails lesen möchte, sondern unsere Gedanken. Glaube mir, ich bin paranoid genug“.
„Ich ’abe nichts zu verbergen“, bekundet Romy, die sich gerade ein Achtel Beaujolais nachschenken hat lassen und sich der Diskussion anschließt. „Ich kopiere die Dialoge meiner Chats immer in einen Ordner und reiche sie dann bei der Filmförderung als Drehbuch ein“, gibt sie an. „So brillante One-liner kriegen die sonst nie. Ist doch besser als Nägel feilen“.

Jeder ist ersetzbar. Auch der Chef.
„Ich bekomme keine Mails, da ich ohnehin kein Privatleben mehr ’abe“, seufzt Jean-Luc. „Aber ich kannte mal eine Lobbyistin – sie hieß Monique – die las die Mails ihrer Vorgesetzten. So gelang es ihr, ein Mail des Personalchefs an die Buchhaltung abzufangen. In dem stand, man solle ihr auf keinen Fall die Überstunden ausbezahlen. Sie zog vor Gericht und gewann. Was für eine Frau. Der Personalchef wurde dann später Finanzminister von République d’Autriche“.
„Mit eigene page Web personnel?“ kichert Romy. „So ein ausgebuffter ’alunke“.
„Surfen im Bureau?“ brüllt Jean-Luc. „Vergiss es. Es gibt Firmen, da dürfen Mitarbeiter nicht einmal die ORF-Website besuchen. Blamabel, wie einem so der Zugang zu gehaltvollem Qualitäts-Journalismus verwehrt wird“.
„Ich bin mir mein eigener Chef, also darf ich auch meine E-Mails lesen“, beteuert Jacques, und hält ein frisch poliertes Glas gegen das Licht, um es auf Fingerabdrücke zu überprüfen.
Plötzlich stürzt Alfred zu Tür herein, der Inhaber des Bistros, und ruft allen zu:
„Total lustig, ihr seid alle im Bild“. Den fragenden Blicken seiner Gäste entgegenwirkend, erklärt er, dass er über der Bar eine kleine Videokamera installiert habe, durch die er alle Geschehnisse in seinem Bistro mitverfolgen und aufzeichnen kann: Wer aller hier sei, ob der Umsatz laufe und ob das Personal gefälligst schuftet. „Los, winkt alle mal – das stellen wir dann bei Youtube rein!“
François, Jean-Luc, Claude, Romy und Jacques geben Alfred unmissverständlich zu verstehen, dass sie diesen indiskreten Klimbim eher nicht gutheißen wollen.
„Was habt ihr alle bloß“, fragt Alfred. „Es ist nur ein Film …“
„Oui, Alfred“, so die Gäste unisono. „Aber ein verdammt schlechter“.

Und sie tanzten eine Nacht in Paris den letzten Tango bis zur ersten Metro und nahmen außer Atem den Fahrstuhl zum Schafott.
– Alle wütend ab.

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 17 zum Thema „Film“,
Oktober 2008

Max Mustermann ist nicht zu fassen

Juli 1, 2008 von Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über den Konsumenten als unbezahlten Hilfsarbeiter von Konzernen und Behörden.

Seinen Namen haben sie sicher schon mal wo gehört. Er ist so ein Typ, der freiwillig Fragebögen ausfüllt und gerne alles von sich preisgibt. Er checkt automatisiert auf Flughäfen ein; bestellt bei Versandhäusern Waren (die er dann selber von der Post abholt) und baut eigenhändig Regale aus schwedischen Möbelhäusern zusammen. Sein Rückrat ist elastisch wie Kaugummi und sein Charakter ebenso zäh. Wie ein falscher Fünfziger taucht er immer dann auf, wenn uns jemand einen Schmarren andrehen möchte, den wir möglichwerweise brauchen, aber in Wirklichkeit gar nicht wollen. Der Wahnsinn hat einen Namen: Max Mustermann. Ein Psychopath. Ein richtiger Ungustl.

Ich kenne ihn schon länger. Identitäts-Dummys wie er traten etwa vor 25 Jahren in Erscheinung, als die ersten maschinell lesbaren Personalausweise aufkamen. Zuletzt sah ich ihn in einer Starbucks-Filiale, wo er sich selber Kaffee brachte. Damit ruiniert er mindestens einem Kellner den Arbeitsplatz, aber da kann er nur bedingt etwas dafür. Ein Wunder ist es dennoch, dass ihm noch keiner eine geschmiert hat. Doch wer Max zwischen die Finger kriegen will, jagt ein Phantom. Niemand wechselt die Identität schneller als er.

Gelegentlich taucht er im Ausland unter. In Frankreich nennt er sich „Jean Dupont“; in Italien „Mario Rossi“ und in Tschechien „Karel Novak“. Und wollen sie wissen, wie er in den USA heißt? Dort nennen sie ihn „Joe Blow“ oder auch „Sally Sixpack“.
Auf Formularen und Kreditkarten operiert er unter falschem Namen, denn in Wirklichkeit heißt er Otto Normalverbraucher. Das macht ihn auch nicht sympathischer. Oder finden sie Otto etwa gut?

Vielleicht ist er auch nur ein willfähriges Opfer von Unternehmen, die immer schärfer darüber nachdenken, wie sich Arbeit aus dem Betrieb auf den Konsumenten abwälzen lässt. In der Manager-Literatur nennt man das „Consumer education“. Gemeint ist das gezielte Auslagern oder Übertragen von Geschäftsprozessen an den Kunden. Und seien wir mal ehrlich: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Mustermann?

Der „arbeitende Kunde“ ist jener Verbraucher, der in der kundennahen Dienstleistungsgesellschaft immer mehr zum Dienstleister in eigener Sache wird, ob er will oder nicht. Die Freizeit der Bevölkerung wird zum unverzichtbaren ökonomischen Faktor. Das bemerkt man auch daran, dass Shopping mitunter anstrengender sein kann, als ins Büro zu gehen. Vieles müsste demnach preisgünstiger werden, wovon aber keine Rede sein kann, wie einen jüngste Teuerungswellen realisieren lassen. Oder sollte man besser sagen: Teuerungs-Tsunamis?
Längst hat die Wirtschaft den Privathaushalt als partielle Produktionsstätte entdeckt, und uns bleibt als Therapie die Work-Life-Balance. Wenn Fragebögen das Kundengespräch ersetzen, dann ist von „Kundennähe“ die Rede. Das Motto „Wer erfolgreich sein will, muss delegieren“ findet seine Vollendung, und der Kunde König wird zum Knecht.

Einen wesentlichen Beitrag zum Umsichgreifen dieses Phänomens leisten zweifelsohne die modernen Kommunikationstechnologien, insbesondere das Internet: Wir organisieren unseren Urlaub online, was vor kurzem noch ein Reisebüro für uns tat; mit Direct-Banking werden wir unser eigener Bankberater und mit Self-Brokerage sogar zum Wertpapiermakler, einem an sich hochbezahlten Job. Wir aber leisten das alles selbstverständlich gratis und auch noch in der Freizeit, denn zusehends verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben.

Gleichwohl dieser arbeitsökonomische Wandel die sozialen Strukturen gehörig durcheinanderwirbelt, kennen auch die Regierungen kein wirksames Rezept. Im Gegenteil. Auch die Behörden verstehen die Hilfsbereitschaft des Bürgers zu nützen. Das nennt sich dann E-Government. Wer etwa seine Steuererklärung online abliefert, erspart dem Finanzamt eine ganze Heerschar an Beamten, die diese Formulare ansonsten manuell in den Computer einklopfen müssten. Kein Wunder, dass die elektronische Steuererklärung für PC-Besitzer bald verpflichtend sein wird. Das Formular müssen wir so oder so ausfüllen, doch wieso wird diese Kostenersparnis dem Bürger nicht rückvergütet, etwa durch entsprechende Steuersenkungen? Oder denkt man hier zu logisch?

Alles begann vor ein paar Jahrzehnten mit dem scheinbar harmlosen Begriff „Selbstbedienung“ – zuerst in Supermärkten, dann an den Zapfsäulen. Die Windschutzscheibe putzt dir heute keiner mehr. Dabei sollte man dir den Lack deines Wagens mit Kokosmilch polieren, bei den Benzinpreisen, nur damit du wieder tanken kommst.
In der Servicewüste Österreich kann heute jeder eine Dienstleistung in Anspruch nehmen und Länge mal Breite dafür zahlen. Die Arbeit darf sich dann erst recht jeder selber machen. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte keiner im Traum daran gedacht, dass sogar wilde Fußball-Rowdys artig ihre Plastikbecher zurückbringen. Klar, wir sind ja alle Fans, und das Flaschenpfand steht schließlich jedem zu.

Silver-16

Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 16 zum Thema „Arbeit“,
Juli 2008

California Streaming

April 1, 2008 von Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über Strandjungs mit Surfspaß und Instant-Urlaube im Hier und Jetzt.

Der Himmel über Wien hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist. „Ich bin dann mal weg“, rief Gerry, und warf hastig ein paar Sachen in seinen Samsonite. Tante Wally hatte zu Steakwochen eingeladen, nach Santa Cruz an der Monterey Bay. Wenn man beginnt, seinem biometrischen Paßfoto ähnlich zu sehen, sollte man sowieso in den Urlaub fahren. „Vorher sehen wir uns aber schon noch“, hatten wir vage vereinbart, wozu es aber nicht mehr kommen sollte. Auch am Vorabend seiner Abreise sollten sich unsere Wege nicht mehr kreuzen, obwohl wir uns das fest vorgenommen hatten. Da sackte Gerry nämlich, obwohl er zeitig schlafen gehen wollte, im „Jahrhundertbeisl“ ab, während ich in der „Fledermaus“ hängen blieb. Bei unseren sporadischen Calls zwischendurch, merkte ich, dass er sich in seiner Reisevorfreude etwas zuviel „Verperltes“ verabreicht hatte. Als er ohne Schlaf um 5:20 Uhr in sein vorbestelltes Airport-Taxi stieg, hatte er mindestens zehn „Glaswecken“ intus. Vom Flughafen rief er dann nochmals an und lallte euphorisch in den Hörer. Er ist ja ein lieber Kerl, aber im illuminierten Zustand hat er die schreckliche Angewohnheit, zu unchristlichen Zeiten anzurufen und dir die Hucke voll zu labern. „Hör mal, ich bin nicht dein Pausenkasperl bis dein Gate öffnet“, machte ich ihm klar. „Bussi – baba!“
Gegen neun Uhr bimmelte das Handy abermals. Gerry war dran: „Bin schon in Frankfurt – Shit, hier darf man nirgends rauchen“. Diese Rauschkugel raubt mir noch den Mittagsschlaf. „Bon voyage, blöder Arsch“, sagte ich ihm, äußerst liebevoll.

Ich war mir sicher, er würde drüben einem furchtbaren Jetlag erlegen sein, doch Gerry ist eine ausgesprochene Rossnatur. Schon einen Tag später meldete er sich via Skype und lachte aus dem Messenger. Mit dem schwarzen Schaumgummi-Pfropfen des Headsets vor dem Mund, sah er aus, als ob es in Houston ein Problem gäbe, doch er strahlte wie die kalifornische Sonne:
„Hier ist alles pipifein“, sagte er.
Spätestens jetzt war mir klar, warum er mir zum Geburtstag eine Webcam geschenkt hatte.
„Wie ist das Meer?“ fragte ich.
„Man, we’ve got an ocean here“, korrigierte er prahlerisch.
Er kippte die Kamera nach rechts und zeigte mir den Pazifik, der vor der Veranda toste. Was ich sah, war ein perfektes Set an Wellen und augenblicklich schwangen wir uns auf die Surfboards. In Zeiten der Globalisierung ist es das Beste, an der Oberfläche entlang zu gleiten, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und vor allem nicht unterzugehen. Auch so betrachtet ist Surfen eines der geflügeltsten Worte unserer Zeit. Wir trieben die kühnsten Figuren, wie den „Kamikaze“, bei dem man mit senkrecht weggestreckten Armen die Tragflächen eines japanischen Kampfbombers imitiert. Nicht nur Flugzeuge stürzen ab – manchmal auch ein Computer. Das grüne Signallicht des Prozessors begann wie wild zu blinken und es war, als würde man das dröhnende Brummen der Propeller hören – dabei war es nur der Ventillator im Gebläse des PCs.
„Ich muss Schluss machen“, unterbrach Gerry und holte mich wieder von der Welle runter. „Die Steaks brutzeln schon …“

Aber ich blieb auf dem Laufenden. In den folgenden Wochen bekam ich nahezu täglich Reportings aus dem Surf Hot Spot mit Wireless LAN. Mit Peer-to-Peer von hier zum Pier, ohne weichem „B“, denn mit Corona wäscht man sich in Mexiko bestenfalls die Füße. Und war er einmal nicht Online, dann wusste ich, er ist am Extrem-Golfen in den Lincoln Hills. Ich zoomte mich via Flashearth bei ihm rein. Nach Übermittlung diverser Koordinaten und Straßennamen konnte ich sogar die Bude ausfindig machen, wo er chillte. Von oben sah es aus wie Entenhausen. Dank meines brauchbaren Geburtstagsgeschenks, lernte ich sogar seine Freunde kennen: Sue, Antonio, Sheilo, Henna, Cindy, Tim und Emily. Ich erfuhr jedes Detail brühwarm:
„Sie haben beinahe alle Kakteen umgeholzt – hier gibt’s bald keinen Tequila mehr!“
Da bleibt in Avocado County nur mehr der Cranberry – mit oder ohne Wodka.

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Am letzten Tag surften wir wieder. Wir checkten das System. In 80 Sekunden um die Welt. Wir browsten mit überhöhter Geschwindigkeit am West Cliff vorbei und dann den Daten-Highway hinunter, mit 2000 Bit in der Sekunde. Zwischendurch sahen wir auf Wiki nach dem Waikiki und tranken Mai Tai.
Bei dem Hyperspeed, mit dem wir unterwegs waren, blieb nur zu hoffen, dass wir nicht gegen eine Firewall donnerten. Wir drangen in den „Green Room“ ein, jener Tunnel, den eine überschäumende, meterhohe Welle bildet, ehe sie bricht. Während wir durch die nasse Röhre flitzten, konnte meine Hand an der senkrechten Wasserwand des Hohlraums entlang streifen. Wir übertönten das Rauschen des Meeres, indem wir Rufe der Begeisterung ausstießen, wie „Cowabunga“ und „Banzai“.
Hinter mir war Gerry. Gute Freunde kann niemand trennen. Auch kein „Wipe out“. Was täte ich bloß ohne ihn. „God only knows …“

Doch alles Schöne hat ein Ende. Die Realität holte uns ein. Ich fuhr nach Schwechat hinaus. Mein Kumpel würde sich bestimmt freuen, wenn ich ihn vom Flughafen abhole. Schließlich hatte er mir oft genug zu verstehen gegeben, welchen Flug er nehmen würde. Als sich endlich die Schiebetür horizontal öffnete, rollte Gerry heraus, quietschvergnügt wie eine Haubenlerche, das Haar vom Wind gekämmt. Aus seinem Gepäck ragten die Golf Clubs wie Stirrer aus einem Longdrink. Einen solchen nahmen wir dann auch im eher mäßigen Ambiente des „Café Wien“ in der Ankunftshalle. Er hatte mir ein Gitarren-Polish-Pflegeset aus dem Haight Ashbury Center in San Francisco mitgebracht und die neueste Ausgabe vom „National Enquirer“. Wie lieb von ihm (dabei hatte ich eigentlich den „Esquire“ gemeint). Bei einem Pago Pfirsich oder zwei erzählte er von seinem Trip. Das Meiste wusste ich ohnehin, dank unserer nicht enden wollenden Video-Konferenzen bei Tag und Nacht. Es ist geradezu kurios: In den drei Wochen, als er in den USA war, hatten wir mehr Kontakt, als in den Monaten vor seiner Abreise in Wien. Ist es nicht schön, dass Gerry wieder da ist?

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 15 zum Thema „Reise“, April 2008

 

 

Genetischer Fingerabdruck

Februar 29, 2008 von Jimmy Deix

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Man muss nicht jede Woche „CSI Miami“ gucken, um zu wissen, dass ein Fingerabdruck auf eine Grußkarte wohl kaum DNA-taugliches Material hinterlassen kann.

von JIMMY DEIX 

Anhand des Giftanschlages in Spitz an der Donau zeigt sich einmal mehr, für wie dumm man die Bevölkerung verkaufen will. “Giftanschlag auf Hirtzberger offenbar geklärt“, lautete die Meldung am 28. Februar in den Medien, weil eine sichergestellte DNA-Spur mit dem Tatverdächtigen Helmut Osberger angeblich übereinstimmt. Man muss aber nicht jede Woche „CSI Miami“ gucken, um zu wissen, dass ein Fingerabdruck auf eine Grußkarte unmöglich DNA-taugliches Material hinterlassen kann. Um eine DNA feststellen zu können, wären Hautzellen, Speichel oder Spermien erforderlich. Freilich ist jeder der Gefahr des Irrtums unterlegen und vielleicht hat der mutmaßliche Attentäter Helmut Osberger vor lauter Zorn auf den Bürgermeister auch noch ins Billet hineingespuckt, bevor er es Hannes Hirtzberger zukommen ließ. Vielleicht hat er auch Schuppen in den Haaren und es ist ihm versehentlich eine davon ins ins Billet hineingefallen.

Man sieht jedenfalls, welchen Respekt die neuesten Technologien wie die DNA-Analyse einflößen, was sich einige der Verantwortlichen Kriminalisten und darüber hinaus scheinbar zu Nutze machen wollen. Der mediale Trugschluss scheint in der modernen Begrifflichkeit “Genetischer Fingerabdruck“ zu liegen, wobei das eine (Genetik) mit dem anderen (Fingerabdruck) zwangsläufig nichts zu tun haben muss. Wieso überführt man den Verdächtigen nicht einfach Anhand seines eigentlichen Fingerabdrucks, sofern sich tatsächlich einer auf der Wunschkarte befindet?

Durch die zügige Verhaftung eines Tatverdächtigen entsteht vielmehr der Eindruck, dass nach jüngsten Polizeiskandalen dringend eine Jubelmeldung erforderlich war, jetzt, wo die Niederösterreichischen Landtagswahlen vor der Tür stehen. Dass Landeshauptmann Erwin Pröll der Polizei übereilt zur „Aufklärung“ des Falls gratuliert, mag einem Anflug von Cäsarenwahn zuschreibbar sein, aber die Unschuldsvermutung eines Niederösterreichischen Bürgers zu mißachten, nur um politisches Kleingeld einzukassieren, ist gelinde gesagt eine Sauerei.

Die gestotterten, manchmal sogar gestammelten Pressekonferenzen in der Justizanstalt Krems sind jedanfalls eine Farce. Man braucht keinen Lügendetektor, um zu erkennen, dass uns die Vortragenden einen Schmäh auftischen. Franz Wendler von der Sicherheitsdirektion und Oberst Ernst Schuch vom Landeskriminalamt NÖ sehen offenbar zu viele schlechte Filme, wenn sie denken, sie könnten die Bevölkerung einfach mit Falschinformationen anschmieren. Der verhinderte Bau eines Thermalhotels als Tätermotiv erinnert bestenfalls an den Plot eines Neo-Heimatfilms mit Hansi Hinterseer.

Tease Me, Dita!

Februar 1, 2008 von Jimmy Deix

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Alles Walzer in der Oper. Gestern Nacht fand der Ball der Bälle statt. Doch nahezu die gesamte Fernsehbranche scheiterte an der richtigen Ausprache des Nachnamens der Dita von Teese. Wie provinziell kann Fernsehen eigentlich sein?

von JIMMY DEIX 

Sie kam, sah und ging wieder. Als Stargast des Wiener Opernballs 2008 versetzte die amerikanische Burlesque-Tänzerin Dita von Teese den Operettenstaat nicht nur in Medien-Aufruhr, sie löste auch einige sprachliche Verwirrung aus. Nahezu die gesamte österreichische Fernsehwelt scheiterte an der richtigen Aussprache ihres Nachnamens. Aus Dita von Teese wurde „Dita von Täse“. Der phonetische Schnitzer ließ bereits in der Vorberichterstattung zum jährlichen Höhepunkt der Wiener Ballsaison aufhorchen und wurde schließlich zum Selbstläufer – Heute in Österreich, Bundesland heute, Winterzeit, Zeit im Bild …

Was ist daran so kompliziert? Wie doppelte Vokale im Englischen richtig betont werden, erfährt man bereits im ersten Band von Ann & Pat. Ein doppeltes „e“ wird demnach wie ein langgezogenes „i“ ausgesprochen, wie beispielsweise auch bei „Breeze“ oder „Cheese“ (zu deutsch: „Käse“). Dies nur zum Vergleich. Die Briten singen ja auch „God Save The Queen“ und nicht „Gwän“.
Auf die Idee, dass der Künstlername Dita von Teese ein Wortspiel beinhalten könnte, nämlich eine Anspielung auf das Wort „Tease“, so wie sich selbiges auch im Fachbegriff Strip-Tease wiederfindet, kam scheinbar niemand.
Schlimm genug, wenn sich Präsentatoren des Aktuellen Dienstes – der „Heiligen Kuh“ der ORF-Nachrichtenaufbereitung – diesen Fehler leisten. Dass auch Fachgelehrte populärer Magazine in diesen Fettnapf treten, obgleich sie hauptberuflich über Celebrities berichten, lässt einen stutzig werden. Jede 14jährige Gothic-Lolita aus Meidling hätte die schaumgeborene Varieté-Künstlerin aus dem Martini-Glas kompetenter beim Namen nennen können. Ob der ORF diese Teenager als Publikum halten wird können, wenn sie erst einmal Twens sind?

Nachdem die These von der korrekten Aussprache nach und nach auch den Küniglberg erklommen hatte, sollten halblustige Witzelchen beim Gebührenzahler das kompensieren, wofür es nun zu spät war. Es sei mehr oder weniger egal, wie die Dame nun wirklich heißt, teilte uns ZIB-Sprecher Armin Wolf live auf Sendung schmunzelnd mit. Irrtum! Das ist eben nicht egal, Herr Achim Golf! Allein schon deshalb nicht, weil es bezeichnend für eine Berichterstattung ist, die uns darüber informieren möchte, wie sehr Dita von Teese Mieder und Korsagen schätzt. Wie seltsam. Hat sie nicht erst letzte Woche einen hochdotierten Werbevertrag bei Wonderbra unterschrieben?!

Journos, die den sprachlichen Fauxpas nicht umschiffen konnten, mögen es künftig besser unterlassen, spitzfindige Bemerkungen über Gastgeber und Logenpächter Richard Lugner vom Stapel zu lassen, weil dieser Sarah Ferguson, die Herzogin von York, einst mit „Förtschi“ ansprach. Im Ozean der Fettnäpfe sitzen scheinbar alle im selben Boot.

Haben wollen

Januar 1, 2008 von Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über Window Shopping, Edelkonsumenten und die schönen Dinge des Lebens.

Als ich neulich mit der Dame meines Herzens zum Frühstück verabredet war, kam mir die Idee, es Holly Golightly gleichzutun, die es nach durchgebrausten Nächten noch lange nicht nach Hause zog. Mit Junk-Food in der Hand, suchte sie frühmorgens immer die Schaufenster in 727 5th Avenue auf – der berühmten New Yorker Adresse von Tiffany & Co. Dank dem Internet kann heute aber jeder bei Tiffany frühstücken: einfach den Rechner hochziehen, während im Hintergrund die Kaffeemaschine blubbert, und tiffany.com in den Browser eingeben. Sobald am Bildschirm silbernes Geschmeide glitzert, beißt man genußvoll in sein Croissant. Das hat Klasse. Besonders Raffinierte laden dazu Henry Mancinis Moon River in den Player. Smart wie du bist, wird es dir deine Freundin bestimmt nicht übel nehmen, dass es keine echten Diamanten zum Frühstück gibt – vorausgesetzt, sie ist ein „Huckleberry Friend“.

Kommerzielle Websites sind auch nichts anderes als Schaufenster. Ein Freund von mir, der eine Werbeagentur leitet, nennt seine Webdesigner deshalb „Fensterputzer“. Und so sehen sie auch aus. „Diese Computer-Nerds sollten öfter mal auf die High Street gehen“, beteuert meine Muse, während sie uns Kaffee nachschenkt. In Bits und Bytes kann man sich nicht hüllen, und außerdem flanieren dort schöne Frauen. „Wer nur am PC rumhockt, verändert die Welt bestimmt nicht, pflichte ich bei. Kein Wunder, dass Nerds meistens Single sind, mit ihren grauen Kapuzzenpullis, ihren PVC-Taschen und den Musikstöpseln im Ohr. Es ist eben nicht jeder ein Konsumpionier, der jedes neue Produkt als erster haben muss. Etwa jene, die unentwegt bei Wendy & Jim anrufen, um zu fragen, ob die neue Kollektion schon da ist. Koffer gibt es überall, aber nicht jeder ist von Louis Vuitton.

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Im Laufe des Vormittags besuche ich dann einen Freund der Ferraris sammelt. Er besitzt Hunderte davon. Auch er ist der Meinung, dass Mick Jagger bestimmt mehr Spaß im Leben hat als Bill Gates. Und wenn ich dann im Angesicht der Vitrine das Leuchten in seinen Augen sehe, mit dem er seine roten Flitzer von Matchbox und Corgi Toys bewundert, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er sich eines Tages einen echten „Testarossa“ zulegen möchte. Doch mein Freund belehrt mich eines Besseren: „Man kauft sich keinen Ferrari – von einem Ferrari träumt man“, erklärt er. „Kaufen würde man einen Jaguar.“ Die Erfüllung seiner Wünsche bringt nämlich mit sich, dass diese real werden und demnach keine Träume mehr sind. Darunter leidet die Imagination – der Kaufakt wird zum Fantasieraub ersten Ranges. Das überzeugt mich durchaus, weshalb ich sogleich ein Autohaus in der Ringstraße aufsuche, um eine Probefahrt mit einem „Sovereign“ zu vereinbaren – natürlich in British Racing Green. Während ich so tue, als ob ich mir die Karre tatsächlich leisten könnte, schippere ich meine Freundin zum Flughafen. Sie braucht wieder einen London-Fix, wie sie es nennt – Fortnum & Mason, Selfridges, Harvey Nichols, Harrods und wie ihre geliebten Greißler alle heißen. Beim langen Abschiedskuss am Gate ringe ich ihr das Versprechen ab, auf die Vinylsingle Anarchy in the UK von den Sex Pistols nicht zu vergessen, denn Mitbringsel müssen sein. Die begehrte EMI-Pressung wurde zum 30jährigen Jubiläum neu aufgelegt. Allein schon wegen der Zeile „Your future dream is a shopping scheme“ will sie mir nicht mehr aus dem Sinn.

Shopping ist Veränderung. Es verspricht uns jeden Tag ein neues Leben. Doch was nützt uns wirklich? Werbeleute sagen: Ja, dieses Produkt können wir verkaufen. Sie fragen aber nie, ob es überhaupt wer braucht. Konsumverweigerung fällt in Wien ohnehin nicht schwer, der Stadt übler Shopping-Albträume, mit Trash-Meilen ohne Charme. Man denkt, es sei das Ende der Welt, dabei ist nur Winterschlussverkauf. Julius Meinl V. musste einmal extra nach Zürich jetten, bloß um ein Buch zu kaufen, das am Graben partout vergriffen war. Dabei diente dem Architekten Victor Gruen, dem Erfinder der amerikanischen Shopping Mall, die Wiener Innenstadt als Leitmotiv. In seinen Augen bot sie die richtige Mischung aus Attraktionen, Einkaufsmöglichkeiten und Erholungszonen, wie die Kaffeehäuser und die Parks.

Wie unterschiedlich Kaufgewohnheiten sein können, ließ mir jedoch ein reicher Amerikaner klar werden, den ich einmal bei Dan Tana’s in Hollywood kennenlernte. Er wollte wissen, woher ich komme. „I am from Vienna, Austria“, antwortete ich, „do you know it?“. „Sure“, brüllte er los. „It’s a nice little country – I would really like to buy it …“ Wie einst Jackie Onassis, konnte auch er sich nicht vorstellen, dass auf diesem Planeten etwas existiert, das man nicht kaufen kann. Und damit liegt er mit Gerrit Six voll auf einer Wellenlänge. Das war jener belgische Blogger, der letzten Sommer auf eBay das Königreich Belgien zum Verkauf anbot. Zum Ausrufungspreis von nur einem Euro. Der Scherzkeks war immerhin ehrlich genug, auch die Mängel seines Angebots zu erwähnen: 300 Mio. Euro Staatsschulden (was jedoch nicht der Grund war, warum das dreiste Angebot drei Tage später von eBay wieder gelöscht wurde). Das Internet ist eine tolle Sache, aber kann man dort auch gemeinsam Pferde stehlen?

Am Abend erhalte ich Nachricht aus London, direkt von der Shopping-Front. Darling erzählt mir, sie hätte in Chelsea einer Dame gegenüber ein Kompliment ausgesprochen, ob ihres guten Geschmacks und des Understatements ihres Schmucks von Elsa Peretti. Der Herzanhänger sei aber von Tiffany, konterte diese trotzig, offensichtlich in Unkenntnis darüber, dass Erstgenannte führende Designerin bei Tiffany ist. Manche Leute verdienen es wirklich nicht reich zu sein.

Vor dem Schlafengehen schmökere ich später noch in der lehrreichen Fibel How to Buy a Diamond. Zu wissen, was beim Kauf eines Diamanten zu beachten ist, über Reinheit, Dichte und Schliff, zählt schließlich zur Allgemeinbildung eines jeden weltgewandten Herren, oder? Valentinstag kommt bestimmt.

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 14 zum Thema „Shopping“,
Jänner 2008