Mozart und die Illuminaten

By Jimmy Deix

magicflute

Mozarts Blitzkarriere bei den Freimaurern ist weitgehend dokumentiert – seine Verbindung zu den Illuminaten hingegen weniger. Ein Fall für die Inquisition? Der „Papageno-Code“ fördert verblüffende Fakten ans Licht. Da bleibt selbst Dan Brown die Spucke weg.

von JIMMY DEIX

Am 19. Februar 1786 besuchte Mozart einen Maskenball, verkleidet als hinduistischer Wahrsager, als Maharishi. Neben Turban und Kaftan hatte er auch ein paar Flugblätter dabei, die er an die Gesellschaft verteilte. Darauf standen seltsame Reime und „esoterische“ Rätsel, bei denen es sich angeblich um Fragmente der Schriften des persischen Propheten Zarathustra handelte. Esoterik war in Wien hoch in Mode und die Freimaurerei so allgegenwärtig wie die dunklen Machenschaften der Illuminaten, einer radikal-politischen Geheimgesellschaft, die auch in Österreich den Umsturz herbeiführen wollte.
Mozart lebte zehn Jahre lang in Wien. Es waren seine goldenen Jahre – künstlerisch und spirituell. Doch es war eine Zeit, in der auch politisch betrachtet kein Stein auf dem anderen blieb. In Yorktown hatte Englands geistig umnachteter König George III. die amerikanischen Kolonien versiebt und auch in Paris wurde die Luft immer dicker. In Wien sprach man vom „philosophischen Zeitalter“. Man spürte deutlich, dass sich bald einiges ändern würde. Viele von Mozarts Freunden und Kollegen waren Illuminaten und es liegt nahe, dass auch er die gleichmacherischen Ideale von Ordensgründer Adam Weishaupt für eine gute Sache hielt. Zumindest war Mozart ein Sympathisant der Bewegung, die sich als pädagogische Geistesschule verstand, um demokratische Werte zu vermitteln, die im 18. Jahrhundert noch als revolutionär galten. Eine neue geistige Strömung hatte sich in Europa verbreitet – die Aufklärung. Philosophen hatten sich den Kopf darüber zerbrochen, ob es den wirklich sein kann, dass Monarchen „von Gottes Gnaden“ wären und der Vatikan einen direkten Draht nach oben hätte. War der klerikale Zinnober vielleicht doch nur Humbug – oder gar Hochstapelei? An den Osterhasen glaubte Mozart schon lange nicht mehr.
Die Unabhängigkeitserklärung der USA (1776) und der Sturm auf die Bastille in Paris (1789) – beides ereignete sich zu Mozarts Lebzeiten – lösten bei den Monarchen Europas eine gewisse Nervosität aus. Im Hause Habsburg sah man schon die Felle davonschwimmen. Ein aufgeklärter Absolutismus musste her. In den Kreisen, in denen Mozart verkehrte, waren diese wichtigen Weltereignisse Gesprächsthema Nummer eins. Mozart und seine Freunde waren proamerikanisch.

Es war um 1780 und es war in Wien. Als Mozart 1781 in die große Stadt zog, wohnte er im Trattnerhof in Untermiete. Sein Vermieter Thomas von Trattner publizierte nicht nur Österreichs Schulbücher, sondern auch die ominöse Zeitung Der Spion von Wien. So war Mozart stets auf dem Laufenden. Mehrmals wöchentlich besuchte er zwecks Gaudi das Hofburgtheater, ging mit seinem Hund namens Pimperl Gassi und traf seine proamerikanischen Freunde im Wirtshaus. Unvergessliche Melodien komponierte er beim Kegeln. Fix ein paar Noten notiert, bis er dran war, dann warf er die Kugel. Rums! Alle neune! Er war ein Alchemist der Musik. Aus Noten zauberte er pures Gold.
Mit Salzburg hatte er gebrochen. Undank war das Einzige, was seine Heimat für ihn übrig hatte, den größten Sohn, den Salzburg je hervorgebracht hat. Aber keine Angst. Mozart sagte immer, wenn ihm etwas nicht passte. Auf den Mund gefallen war er nie. Seinen Salzburger Dienstgeber Graf Arco schimpfte er, so ist es überliefert, respektlos „Hundsfut“, nachdem ihm dieser einen ungalanten Fußtritt verpasst hatte (Brief an seinen Vater, 20. Juni 1781). Rokoko und gepuderte Perücke sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Amadeus tatsächlich ein Punker war. Lieber ging er zugrunde als einem Schwachkopf den Popsch zu küssen. In Wien jobbte Mozart als freischaffender Künstler. Künstlersozialversicherung gab es auch noch keine. Seine Konzerte organisierte er in Eigenregie: Er mietete den Saal, bezahlte die Musiker und ließ sogar die Eintrittskarten selber drucken. Eigentlich wollte Mozart lieber nach Paris gehen, um sein Glück zu versuchen. Aber dort hatte man ihn bei seiner Ankunft gleich wieder nach Hause geschickt, mit der Begründung: Revoluzzer wie ihn könne man hier nicht gebrauchen!

 mozart

Mozart war kein besonders gebildeter Mensch. Die primären Dinge hatte ihm sein Vater beigebracht. Eine Schule hat er nie besucht. Umso euphorischer war er über die Freimaurerei, wo er die geistige Erfüllung fand. Durch sie kam er mit Intellektuellen und Gelehrten in Kontakt, was seine Kunst ungemein beflügelte. Und mehr als das, wandte sich Mozart – bislang strenggläubiger Katholik – nun doch weltlichen Idealen zu. „Mozart war nachweislich Mitglied einer Wiener Illuminatenloge“, schreibt Helmut Perl, Autor des Buches Der Fall Mozart. Und nicht nur er, auch Goethe und Beethoven schlossen sich den Weltverbesserungsplänen des Ordens an, dem es in kurzer Zeit gelungen war, die Freimaurerei zu unterwandern. Illuminaten schmökerten gerne in alten, miefigen Büchern aus dem Mittelalter, um darin Aufschluss – sprich „Erleuchtung“ – über die Gegenwart zu finden (in alten Illustrierten zu blättern ist im Grunde nichts anderes). In den dicken Wälzern von früher stand allerhand. War diese Lektüre beim Vatikan noch dazu auf dem Index, war sie gleich noch viel spannender. Illuminaten waren keine Freimaurer, aber ähnlich organisiert. Dabei waren sie sektenartig aufgebaut wie ein Pyramidenspiel. Doch während die Freimaurer in Wien bei ihren Logentreffen bestenfalls „Blindekuh“ spielten, führten die Illuminaten weitaus Böseres im Schild. Ihr Ziel war, den größten Machtapparat der Welt zu zerstören: die katholische Kirche.
Mozart war keine ausgesprochen politische Person, verfolgte aber gesellschaftliche Vorgänge mit regem Interesse. Er las jeden Tag Zeitung. Unter seinen Freunden waren gut ein Dutzend Literaten, die eines gemeinsam hatten: ihre spitze Feder. Wien hatte damals eine starke Literaturszene, die leider völlig in Vergessenheit geraten ist. Während sich alle Welt mit Voltaire, Rousseau und Diderot rühmt, kennt Österreichs Aufklärer so gut wie niemand mehr (als ob es zwischen Abraham a Santa Clara und Grillparzer nichts gegeben hätte). Und das ist ewig schade. Immerhin war Carl Leonhard Reinhold Wegbereiter für Kants Vernunfttheorie und Johann Pezzl derjenige, der Goethe zum Faust inspirierte. Dieses schwarze Loch in Österreichs Literaturgeschichte resultiert daraus, dass die Wiener Aufklärer allesamt Illuminaten waren und als Staatsfeinde verfolgt wurden. Nicht wenige bezahlten ihre aufgeklärte Gesinnung sogar mir dem Leben, andere landeten im Gefängnis. Mozart kannte sie alle persönlich. Sein Lieblingsautor war der Illuminat Aloys Blumauer – der schlagfertigste Mann Wiens. Mit Amüsement las Wolferl sein komödiantisches Epos Virgils Aeneis travestiert, worin die größten Genies mit einem Mörser zu einer köstlichen Kraftsuppe für den Teufel zerstampft wurden. Inhalte wie diese waren schon hart an der Grenze, doch es war nicht das einzige Pamphlet in Mozarts Bücherregal, das später verboten werden sollte. Blumauer wurde sogar verdächtigt, Herausgeber der Schwarzen Zeitung zu sein, eines üblen Vorläufers der Boulevardpresse, in dem Unglücksfälle und Selbstmorde prominenter Aristokraten genüsslich ausgebreitet wurden. Die Aufklärer Wiens hatten eine schlechte Angewohnheit: Sie machten sich über Obrigkeiten lustig und hatten vor nichts Respekt. Um ihre Ideologie zu verbreiten, waren den Illuminaten Satire und Parodie als Medium gerade recht. Zeitungen mit frechen Artikeln gab es an jeder Ecke. Wien hatte eine der lebendigsten Medienlandschaften überhaupt und es mutet kurios an, dass Ideale wie Aufklärung und Demokratie ausgerechnet von den Schmuddelblättern propagiert wurden.

MOZARTS ZAUBERFLÖTE SPIELT IN EINEM
ARCHAISCHEN ZEITALTER IM ALTEN ÄGYPTEN.
IN DER ALTEN GEHEIMSPRACHE DER ILLUMINATEN
WAR „ÄGYPTEN“ DER DECKNAME FÜR ÖSTERREICH.

Dem Kaiser ging die so genannte „Broschürenflut“ allmählich auf die Nerven. Um sie einzudämmen, schaffte er die Pressefreiheit wieder ab und rief die Studienkommission und die Zensurbehörde ins Leben. 200 Jahre vor dem Internet waren Bücher das Gefährlichste überhaupt. Sie brachten Studenten auf Ideen und das war nicht gut. Doch es liegt auf der Hand, dass diese Behörde nichts weiter war als der erste Geheimdienst. Es war der Beginn des österreichischen Polizeistaates, der unter Metternich seine vorläufige Hochblüte erlangen sollte (Metternichs Vater war übrigens ebenfalls Illuminat). Den Chefposten besetzte Joseph II. mit Baron Gottfried van Swieten. Doch was der Kaiser scheinbar nicht ahnte: Van Swieten trieb ein doppeltes Spiel und führte den Kaiser hinters Licht. Auch van Swieten war Mitglied bei den Illuminaten – den schlimmsten Anti-Monarchisten von allen. Im Dezember 1785 platzte Kaiser Joseph II. der Kragen. Er gab das berühmte „Freimaurerpatent“ heraus, um die Geheimgesellschaften zu zerschlagen. Sie waren zu mächtig geworden. In Bayern waren die Illuminaten bereits unter Androhung der Todesstrafe verboten. Das neue Gesetz war jedoch ein Schuss in den Ofen, weil die Illuminaten längst in der Regierung saßen: Staatskanzler Fürst Kaunitz sowie der böhmische Kanzler Graf Kollowrat waren „Erleuchtete“, wie viele andere auch im Dienste der Hofkanzlei. Da soll noch einer sagen, Politik wäre langweilig. Die Illuminaten reagierten, indem sie sich fortan als harmlose „Lesegesellschaften“ ausgaben (aus denen später die politischen Parteien des 19. Jahrhunderts hervorgingen). Die Geheimbünde wurden brutal verfolgt (Jakobinerprozesse). Die Dokumente darüber sind aus den Archiven der Hofbibliothek verschwunden. Wie restriktiv die Vorgehensweise der Staatspolizei gewesen sein muss, lässt sich anhand der Heimlichtuerei der Illuminaten erkennen: Sie gaben einander Pseudonyme wie „Philo“ oder „Spartacus“, verschlüsselten ihre Texte mit Zahlenmagie und hatten sogar eine eigene Zeitrechnung. Es kann sich somit kaum um keinen Zufall handeln, wenn Mozarts Zauberflöte in einem archaischen Zeitalter im alten Ägypten spielt – in der alten Geheimsprache der Illuminaten war „Ägypten“ nämlich der Deckname für Österreich.

josephii   swieten
Kaiser Joseph II. war Begründer der österreichischen Staatspolizei.
Geheimdienstchef Gottfried van Swieten versorgte Mozart mit Medizin auf Quecksilber-Basis.

born   leopold
Wiens führender Illuminat Ignaz von Born – Vorbild des weisen Priesters Sarastro in der Zauberflöte – wurde vergiftet.
Drei Monate nach Mozart starb auch Kaiser Leopold II. Die Behandlung seiner Ärzte überlebte er nicht.

Bei den Illuminaten hieß Mozart „Adam“. Auch seine Musik war mit Notenpunktation und Metaphern codiert. Er hatte eine kindische Freude daran, seine Opern mit boshaften Anspielungen zu spicken. Das hielt die Zensur auf Trab. In der pompösen ernsten Oper La clemenca di Tito – ein Auftragswerk zur Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Ungarn – brannte prompt der Palast nieder (!) In Mozarts Arien wurde gesungen, worüber man nicht sprechen durfte. In der Hinsicht ist auch Die Zauberflöte nur bei oberflächlicher Betrachtung eine harmlose Märchenoper. Gut und Böse, Licht und Finsternis sind ihre Spannungselemente. Der Ägyptologe Jan Assmann erkennt in ihr die „Mysterien der ägyptischen Gedächtnisgeschichte Europas“ wieder. Gleich in der ersten Szene offenbart sich die Explosivkraft des Bühnenwerks: Prinz Tamino wird von einer Riesenschlange verfolgt und bricht zusammen. Selbst einfachsten Leuten im Publikum war klar: Damit konnte nur „die Ohnmacht des Menschen vor dem Sündenfall“ gemeint sein. Mit der Königin der Nacht – einer finsteren, mächtigen Frau – war keine Geringere gemeint als Maria Theresia, die wegen ihrer Scheinheiligkeit unter der Bevölkerung äußerst unbeliebt war. Sie verstößt ihre Tochter Pamina (Marie Antoinette) und versinkt in Blitz und Donner. Allegorisch ist auch das Bühnenbild der Zauberflöte, einer Märchenwelt aus Gärten, Tempeln, Pyramiden und Kristallen, die jedoch nicht der Fantasie des linksradikalen Theatermachers Emanuel Schikaneder entsprungen war – es gab sie wirklich. In den Grinzinger Weinbergen hatte der Staatsbeamte und Illuminat Graf Philipp von Cobenzl einen hieroglyphischen Garten mit einer künstlichen Grotte erbauen lassen, die Mozart sehr bewunderte. Die wunderschöne Anlage war ein Nachbau des Parks von Schloss Aigen, dem Geheimtreff der Salzburger Illuminaten. Heilige Schauer verzückten einen, wenn man sie betrat: Antike Vasen, ägyptische Urnen, bunte Türmchen und Obelisken zierten die Grotte, in der es zu geheimen Riten der Wiener Illuminaten kam. Die Grotte am Cobenzl ist heute zugemauert und unzugänglich. Im Bühnenbild der Zauberflöte tritt sie als „wasserspeiender Berg“ in Erscheinung. Ob Mozart damit das Geheimversteck der Illuminaten preisgegeben hat? Zwei Monate nach ihrer Uraufführung war Mozart tot. Der Erste, der an seine Vergiftung glaubte, war Mozart selbst. Bei einem Spaziergang im Prater sagte er zu Constanze: „Mit mir dauert es nicht mehr lange: Gewiß, man hat mir Gift gegeben.“ In seinem Buch Mozarts Tod – ein Rätsel wird gelöst beleuchtet Ludwig Köppen den Fall etwas genauer. Er geht davon aus, dass sich der Musiker bei einer „Grabennymphe“ mit Syphilis angesteckt hatte. Unter der Hand wurde er von Baron Gottfried van Swieten mit Medizin auf Quecksilber-Basis versorgt (Liquor Swietenii). Van Swieten hatte auch Mozarts würdeloses Begräbnis in die Wege geleitet. Wer aber Köppens These weiterspinnt, muss zu dem Schluss gelangen, dass Mozart somit vom österreichischen Geheimdienst um die Ecke gebracht wurde. Die Affäre zog sich bis in die Hofburg. Als der Kaiser von Mozarts Tod erfuhr, enthob er van Swieten prompt des Amtes. Zur gleichen Zeit richtete Mozarts Logenbruder Franz Hofdemel in Wien ein grausames Blutbad an. Er attackierte seine schwangere Frau mit dem Rasiermesser. Danach schnitt er sich selbst die Kehle durch. Magdalena Hofdemel überlebte. Später wird bekannt, dass die attraktive Dame nicht nur Mozarts Klavierschülerin war … Ihren Sohn taufte sie Johann – es war einer von Mozarts vielen Vornamen.

JOHANN W. GOETHE BEWUNDERTE MOZARTS
ZAUBERFLÖTE SEHR. ER SCHRIEB FÜR SIE EINEN
ZWEITEN TEIL, DER JEDOCH NIE VERTONT WURDE.
DASS MOZART AUCH SEINEN FAUST NICHT IN MUSIK
UMSETZTE, VERWAND ER NIE.

hofbibliothek   grotte
Prunksaal der Hofbibliothek – die „Zentrale“ der Wiener Illuminaten.
Die Grotte am Cobenzl – geheimer Treffpunkt der Wiener Illuminaten – bildete die Vorlage zum Bühnenbild der Zauberflöte

Im Supermarkt der Theorien über Mozart wurde bei weitem noch nicht alles geschrieben, trotz der vielen Bücher auf dem Markt. Mozart war nämlich nicht der Einzige, der unter ominösen Umständen aus dem Leben schied. Vier Monate vor ihm starb Ignaz von Born, Hofrat und zugleich oberster Illuminat Wiens. Der Mineraloge hatte sich bei einem Grubenunglück eine schwere chronische Erkrankung zugezogen, die ihn zur Einnahme starker schmerzstillender Mittel zwang, die wiederum einen schleichenden Tod durch Vergiftung bewirkt haben könnten. In der Zauberflöte ist Born in der Bühnenfigur des weisen Priesters Sarastro verewigt. Die Prüfungen, die Tamino und Papageno bestehen müssen, sind nichts weiter als Initiationen der Illuminaten.
Drei Monate nach Mozart starb auch Kaiser Leopold II. Er hatte nur zwei Jahre regiert und war erst 45. Der kaiserliche Leibarzt Johann Hasenöhrl – ein Schüler van Swietens, der sich auf dessen Anraten „Doktor Lagusius“ nannte – hatte den Monarchen innerhalb von 24 Stunden mit viermaligem Aderlass behandelt. Diese mittelalterliche Methode, bei der das Blut wie aus einem Wasserhahn spritzte, schwächte den Monarchen derart, dass er unter schrecklichen Erschütterungen alles von sich gab, was er eingenommen hatte. Dennoch verließen ihn seine Ärzte. Kein Einziger war bei seinem Tode zugegen. Einer gab sogar an, der Kaiser sei außer Lebensgefahr. Am 1. März 1792 verschied Kaiser Leopold II. unter Erbrechen in Gegenwart der verzweifelten Kaiserin. Samuel Hahnemann – Arzt und Begründer der Homöopathie – kritisierte diese Vorgehensweise auf das Schärfste und forderte Kaiser Leopolds Ärzte auf, sich öffentlich zu rechtfertigen. Dr. Lagusius versprach einen genauen Bericht, der jedoch nie erscheinen sollte. Baron van Swieten aber – der am Sterbetag Mozarts vom Kaiser gekündigt worden war – wäre kein Diplomat gewesen, wenn er nach dem Tod des Monarchen seinen Posten als Geheimdienstchef in der Hofbibliothek nicht wieder eingenommen hätte.

Die mit Abstand kühnste These um Mozarts Tod stammt jedoch von Dr. Gunther Duda. Der Autor von Den Göttern gegeben hält es für möglich, dass Mozart einem diabolischen Kultmord zum Opfer gefallen ist. Und noch schlimmer: Mozart hätte seine „Hinrichtung“ sogar akzeptiert, als Bestrafung für den begangenen Verrat. Daher die Todesahnungen. „Mozart hatte kein Grab, das auf dem St. Marxer Friedhof ist nur ein Scheingrab“, meint Duda. Laut einem Wiener Zeitungsbericht will ein 17jähriges Mädchen den aufgebahrten Mozart noch in einem Nebengemach von Schikaneders Freihaus-Theater gesehen haben. Dann verschwand er im dunklen, wo ihm bei einem schwarzmagischen Ritual der Kopf angetrennt worden sein soll. Das ist makaber, ändert aber nichts and der Tatsache, dass auch die Schädel von Joseph Haydn, Friedrich Schiller, Emanuel Kant und Ludwig van Beethoven auf rätselhafte Weise verschwunden sind, deren Nahverhältnis zu den Illuminaten ebenfalls erwiesen ist. Der Rest seien Zahlenmagie, Vertuschungsversuche und scheinwissenschaftliche Verwirrung, meint Duda. Seine These wird von der offiziellen Mozartforschung verachtet, aber nie widerlegt. Man muss nicht alles glauben, was in der Zeitung steht, aber wenn uns die offizielle Mozartforschung weismachen will, Amadé sei an einem verdorbenen Schweinskotelett gestorben, womit sein früher Tod restlos aufgeklärt wäre, dann fördert das auch nicht unbedingt den Fremdenverkehr. Die Sache bleibt in jedem Fall spannend. Zum 300. Geburtstag wissen wir bestimmt mehr. Mozart war nur ein Zeitreisender. Er sah sich alles an, dann ging er wieder.

 

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WILLKOMMEN IN DER BRUDERSCHAFT
Am 14. Dezember 1784 wird Mozart offiziell in die Wiener Freimaurerloge „Zur Wohltätigkeit“ aufgenommen und muss hierfür ein gespenstisches Ritual über sich ergehen lassen: Er hat seine Schuhe auszuziehen und alle metallischen Gegenstände abzulegen. Sein Hemd wird aufgeknöpft, damit die linke Brust frei liegt. Er wird in eine dunkle Kammer gesperrt, in der sich Särge und menschliche Überreste stapeln – Knochen und Totenköpfe. Mozart erschrickt. Gruseliger Schauer und erste Zweifel überkommen ihn. Vielleicht war es doch keine gute Idee den Freimaurern beizutreten.
Ein sogenannter „schrecklicher Bruder“ jagt ihm noch mehr Angst ein. Dann lässt er den eingeschüchterten Mozart wieder allein in der finsteren Gruft. Stunden vergehen und Mozart dreht beinahe durch vor lauter Schiss.
Dann werden ihm auch noch die Augen verbunden. Er wird durch ein Stiegenhaus auf und ab geführt, bis er endgültig die Orientierung verliert. Blind wie ein Maulwurf vernimmt Mozart ein dreimaliges Klopfen, womit für ihn um Einlass in die Loge gebeten wird. Die Tür öffnet sich und er wird in den Raum geführt. Er hört Stimmen. Von hinten und von vorn. Ellenlange Texte werden verlesen. Er weiß nicht, wie ihm geschieht.
Plötzlich spürt er einen Stich bei seinem Herzen. Mozart zittert. Er ahnt nicht, dass ihm ein Dolch an die Brust gesetzt wird. Eine schreckliche Stimme flüstert in sein Ohr: „Schwöre bei deinem Tod, dass du die Geheimnisse der Freimaurerei niemals verraten wirst.“ Mozart schwört. Endlich wird ihm die Augenbinde abgenommen. Nach Stunden der Dunkelheit wird er von gleißendem Licht geblendet. Es ist der hell erleuchtete, nach Osten ausgerichtete Altar der Loge. Auf ihm liegen Bibel, Zirkel und Winkelmaß. Mozart ist „erleuchtet“.
In der Freimaurerei gilt der Tod als bester Freund des Menschen. Als Logenbruder durfte Mozart am eigenen Leib erfahren, was Christen lieber ihrem Erlöser überlassen: Er ist auferstanden – wenn auch nur symbolisch.

DIE WIENER ILLUMINATEN
Ignaz von Born
Mineraloge, Alchemist und Hofrat in Wien
Joseph von Sonnenfels
Jurist und Publizist in Wien
Johann Philipp Graf von Cobenzl
Reichsvizekanzler in Wien
Leopold Graf von Kollowrat
Kanzler für Böhmen in Wien
Fürst Wenzel Anton von Kaunitz
Staatskanzler
Ferdinand Meggenhofen
Kaiserlicher Kreisschulkommissarius in Ried/Waldviertel
Otto von Gemmingen
Schriftsteller (brachte Mozart zur Freimaurerei)
Baron Gottfried van Swieten
Kustos der Hofbibliothek (Förderer von Mozart, Haydn und Beethoven)
Aloys Blumauer
Schriftsteller, Herausgeber und Buchhändler
Johann Pezzl
Schriftsteller und Bibliothekar
Joseph Franz Ratschky
Schriftsteller (wichtigster Aufklärer Wiens, Herausgeber des Wiener Musen-Almanachs)
Gottlieb von Leon Lyriker; Kustos an der Wiener Hofbibliothek; Herausgeber
Johann Baptist von Alxinger
Schriftsteller; Sekretär des Hofburgtheaters
Hieronymus von Colloredo-Mannsfeld
Fürsterzbischof von Salzburg
Carl Leonhard Reinhold
Schriftsteller und Philosoph

© JIMMY DEIX – veröffentlicht im Magazin WIENER, Jänner 2006

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