Ziggy Stardust

By Jimmy Deix

MANCHMAL IST EINE
ZIGARRE NUR EINE ZIGARRE.
Sigmund Freud

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MACHTGIER WAR SEIN CREDO – KOKAIN SEINE DROGE. ER STUDIERTE DEN ORGASMUS UND DIE HYSTERIE UND ERFAND DEN PENISNEID. UM DIE PSYCHOANALYSE ALS NEUE „WELTRELIGION“ ZU ETABLIEREN, GRÜNDETE SIGMUND FREUD EINE GEHEIME SEKTE – MIT IHM ALS ZENTRALE LICHTGESTALT DER BEWEGUNG. SEIN GROSSER PLAN SCHEINT SICH ERFÜLLT ZU HABEN, DOCH DIE VON IHM GESCHAFFENE PSYCHOANALYSE STEHT HEUTE KURZ DAVOR, ALS GRÖSSTER SCHWINDEL DES 20. JAHRHUNDERTS ENTLARVT ZU WERDEN.
WHAT’S ON A MAN’S MIND?

von JIMMY DEIX

Es dauerte nur acht Sekunden, bis die volle Dosis sein Zentralnervensystem erfasst hatte. Langsam glitt die Nadel aus der Vene, als eine vorübergehende Betäubtheit zunehmender Euphorie wich. Sigmund Freud fühlte sich fantastisch. Der Rush blies ihm beinahe das Hirn weg. In der psychiatrischen Abteilung des AKH hatte er sich wieder ein paar Dezigramm verabreicht. Intravenös. Es war verdammt gutes Zeug, dass ihm die Firma Merck aus Frankfurt zugesandt hatte, per Post. Hydrochlorid in Reinkultur. Für Experimente, im Dienste der Wissenschaft: „In meiner letzten schweren Verstimmung habe ich wieder Coca genommen und mich mit einer Kleinigkeit wunderbar auf die Höhe gehoben“, berichtet Freud seiner Verlobten Martha Bernays. „Und wenn Du unartig bist, wirst Du sehen, wer stärker ist, ein kleines, sanftes Mädchen … oder ein großer, wilder Mann, der Cocain im Leib hat“ – das Wiehern eines Coca-Hengstes, das Ego leicht überhöht. Dieser Fall ist klar: Gegen Ziggy Stardust war Tony Montana in Scarface bloß ein müder Waschlappen. Die immensen Mengen Koks, die Freud daheim hortete, reichen heute allemal für ein paar Jahre in einem geschlossenen Etablissement. Seiner Verlobten schickte er kleine Dosen, „um sie stark und kräftig zu machen“. Er drängte es Freunden und Kollegen auf und gab es seinen Schwestern. Und hat man Nerven: Im Rahmen eines Vortrags an der Wiener Uni empfahl Freud die psychiatrische Anwendung von Coca bei Hypochondrie, Hysterie und Depressionen. Der Sankt Pöltner Pathologe Hans Bankl kann diesen Leichtsinn nicht billigen: „Vom Standpunkt unseres heutigen Wissens gesehen, war er auf dem besten Wege, gemeingefährlich zu werden“.
Dabei hatte er nicht die mindeste Ahnung, etwas Gefährliches zu tun. Doch nicht jeder sieht das kritisch: „Mit seinen Erkenntnissen der Psychologie des Unbewussten hat Freud neue Wahrnehmungs- und Deutungsmuster für die Gesellschaft geschaffen,“ erklärt Bundespräsident Heinz Fischer, Patron des Freud-Jahres 2006. Aber was feiern wir eigentlich? Freuds haltlose These, dass Frauen kastrierte Männer sind?!

Sigmund Freud

Heimat bist du großer Söhne. Der Wahnsinn des Professors hatte Methode und war nicht mehr zu stoppen. In seiner Ordination behandelte er Frauen, die er für hysterisch hielt, mit Hypnose und Elektroschocks. Ob das eines großen Denkers würdig ist? Schon Karl Kraus spottete treffsicher: „Die Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.“ Tatsächlich konnte für zahlreiche zentrale Thesen Freuds (Ödipuskomplex) nie ein Nachweis erbracht werden. Dennoch hat sich die Psychoanalyse wie eine Epidemie verbreitet und dabei den Status einer Wissenschaft erlangt. Dabei ist sie eher ein moderner Mythos, der vielmehr der Literatur zuordenbar ist. Der „Freudsche Versprecher“ oder die „orale Fixierung“ erfreuen sich ungebrochener Popularität, obwohl sie längst widerlegt sind. Der famose Begriff des „Unbewussten“ hat immer noch Konjunktur, obwohl er unter logisch-erkenntnistheoretischem Aspekt ein Widerspruch in sich sein muss. „Der Glaube an die Psychoanalyse ist eines der merkwürdigsten Phänomene des 20. Jahrhunderts“, schreibt der Journalist Udo Leuschner. „Noch immer wird sie von den Krankenkassen als Therapie anerkannt, obwohl ein Nachweis ihrer Wirksamkeit nie geführt werden konnte“.

Doch Freuds Vision war kristallklar: Er wollte reich und berühmt werden. Wie war ihm egal. Als Gymnasiast träumte er davon Politiker zu werden, vom Rang eines Ministers. Hannibal, Cromwell und Napoleons Marshall Massena waren die Idealgestalten seiner Fantasie. „Die Natur“ von Goethe brachte ihn jedoch auf die Medizin. Seine erste Arbeit schrieb er über die „Hoden der Aale“. Das Interesse war mäßig. Doch Freud eiferte nach akademischer Anerkennung („Im Nobelpreis übergangen“, schrieb er einmal mürrisch in sein Tagebuch). Als Drogen-Papst hätte er beinahe Geschichte geschrieben, wie Timothy Leary, wäre da nicht dieser kleine „Betriebsunfall“ passiert: Seinem Freund Ernst Fleischl verschrieb er Kokain auf Rezept, um seine Morphiumsucht zu bändigen. Am Ende war der Patient auf beidem unterwegs – der „Speedball“ war geboren. Durch Überdosierung beider Substanzen bekam Fleischl veritable Sinnestäuschungen. Zuerst sah er unter seiner Haut weiße Schlangen, ehe er das Zeitliche segnete. Halluzinationen sind die spektakulärsten Symptome der Seele. Oder waren es doch die Spiders From Mars?

Coca

Coca-Fläschchen der Firma Merck, wie Freud es verwendete

Zigarren sind verdächtig. Dass Freud bei der Ausübung der Psychoanalyse nicht minder fahrlässig handelte, scheint dem niederländischen Freud-Kritiker Han Israëls offensichtlich. Für ihn ist die Lehre Freuds nichts weiter als ein Sammelsurium an Irrtümern und Fehlinterpretationen. Der Fall der „Anna O.“ spricht Bände: Sie suchte ihn wegen Atemnot und Husten auf. Mittels Hypnose diagnostizierte Freud, sie würde mit ihrem Husten die Koitus-Geräusche ihres Vaters imitieren. Eine therapeutische Fehlleistung, die Freud – Anna laborierte in Wirklichkeit an einer Lungenentzündung – rücksichtslos als Erfolg auslegte. Die Honorarnote folgte prompt.
„Der Wiener Seelenpionier ist genauso untot wie Graf Dracula“, konstatiert Kritiker Rolf Degen. Zahlende Patienten erachtete er als Versuchskaninchen oder als „Narren, denen er am liebsten den Hals umdrehen würde“ (Freud). Seine Behandlungen waren eher autoritär, einem Polizeiverhör ähnlich. Die ärztliche Schweigepflicht kümmerte ihn wenig – er publizierte die Krankheitsgeschichten seiner Patienten in Buchform (wenn auch mit Pseudonymen versehen). Eigentlich problematisch für jeden Arzt, dem seine Zulassung lieb ist.
Während in Österreich im Freud-Jahr per Verordnung gejubelt werden darf, wird Freud nicht einmal von seiner eigenen Familie für voll genommen. In den Augen seiner Enkelin Sophie Freud war der „Vater der Psychoanalyse“ eine Art Schaumschläger. Beim 3. Weltkongress für Psychotherapie in Wien (2002) zog sie mit ihrem Großvater scharf ins Gericht: „Er hat in vielen Dingen einfach falsche Thesen verbreitet und permanent Regeln gebrochen, die er selbst aufgestellt hatte.“ Für sie war er eher ein ideologischer Verführer: „Freud wurde vielfach wie Jesus verehrt“, sagt sie. „Die Studenten wurden bekehrt und danach zu Missionaren der neuen Lehre“.

Freuds Lebenswerk weist in der Tat missionarischen Charakter auf. Von Anbeginn sah er seine Lehre als Bewegung. Ihr Ursprung war die legendäre „Mittwochsgesellschaft“, ein Jour fixe mit Gleichgesinnten in der Berggasse 19. Als Freuds Wartezimmer zu klein wurde, wanderte die intellektuelle Runde ins Café Korb am Tuchlauben. Bei Apfelstrudel debattierte man, ob sich die Psychoanalyse mit dem Marxismus fusionieren ließe. Die Idee stammte von Freud-Schüler Alfred Adler, der auch den Begriff „Minderwertigkeitskomplex“ prägte. Adler war mit einer russischen Studentin namens Raissa liiert, die auf der Wiener Uni die Stimmung für die bevorstehende Revolution in Moskau anheizte. Sogar Lenin höchstpersönlich hatte den Druck von Freuds Schriften in Kyrillisch angeordnet – um damit den Russen das „Vulgäre“ zu nehmen. In Wien war die sozialistische Bewegung im Aufwind und die Seelen-Lobby spekulierte bereits, bei den Arbeiterkrankenkassen in die Vollen greifen zu können. Der Begriff „psychosozial“ stand schnell im Raum. Als synthetische Gesellschaftstheorie konnte der sogenannte Freudomarxismus jedoch nie breite Anerkennung finden, wenngleich Wilhelm Reichs Annahme, „die Gesellschaft leide an einer Massenneurose“ von der 68er-Generation zum Teil wieder aufgegriffen wurde. In Kombination mit schlechten Drogen förderte dies jedoch meist blanken Unsinn zutage (siehe Otto Mühl).

Rezept

Wo gibt’s denn so was?
Freud verschrieb Kokain auf Rezept

Freud war ein Despot. Er überwarf sich mit jedem. In seinem Umfeld hatte niemand genial zu sein, außer er selbst. Wollte ihn jemand korrigieren, wurde er krawutisch. „Warum Krieg?“, schrieb er seinem Pazifisten-Freund Albert Einstein (just als dieser der US-Regierung den Bau der Atombombe empfahl). Nach seinem Zerwürfnis mit Adler und seinem „Kronprinzen“ Carl Gustav Jung – er hatte es gewagt, die kulturpessimistische „Analthese“ des Meisters zu hinterfragen – stürzte Freuds Mission in eine schwere Krise. Da kam Ernest Jones – Freuds späterer Biograf und Weißwäscher – eine zündende Idee: Eine eingeschworene Elite sollte die Psychoanalyse wirksam gegen Verräter und Attacken von außen verteidigen. Sie sollte die besten und zuverlässigsten Männer der neuen Lehre vereinen und diese mit einem strengen Katechismus versehen. Freud war hellauf begeistert: „Es würde mir das Leben und Sterben leichter machen, wenn ich wüsste, dass eine solche Gemeinschaft zum Schutze meiner Schöpfung existiert.“ Ohne Ironie sah Freud darin die Möglichkeit, sein Lebenswerk gegen dumme Kritik zu immunisieren. Ein Punkt war ihm besonders wichtig: „Das Komitee müsste in seiner Existenz und in seinem Wirken streng geheim bleiben“ (Freud).

Freud war Atheist. Spiritualität war für ihn Aberglaube und Religion die „am weitesten verbreitete Zwangsneurose“. Doch woran glaubt der, der nicht glaubt? Bei Gottlosen ist der Chefsessel mitunter frei. Ein Vakuum, für dessen Erfüllung die Psychoanalyse geeignet erschien? Freuds sturer Charakter verlieh der Sache eine Aura der Unfehlbarkeit und auch rituelle Momente sind unübersehbar: Die Couch als „Beichtstuhl“ der Moderne; der Analytiker als „Erlöser von dem Bösen“ …  von den spitzfindigen Betrachtungen des Freud-Kritikers Han Israëls ganz zu schweigen, der die Fallgeschichten der „Anna O.“ oder des „Rattenmannes“ als „Offenbarungen der Psychoanalyse“ betrachtet. Für ihn beruht Freuds Lehre auf Mystifizierungen und Fälschungen, die ohne intellektuellen Aufwand als solche erkennbar wären.

Das geheime Kommitee

Das „Geheime Komitee“ 1922 – Freud im Kreise seiner treuen „Apostel“: Otto Rank, Karl Abraham, Max Eitington, Ernest Jones (hinten), Sigmund Freud, Sándor Ferenczi, Hanns Sachs (vorne).

Die vor kurzem veröffentlichten Rundbriefe des „Geheimen Komitees“ geben Aufschluss über die Ziele der Bewegung: Der Bund war straff organisiert und man war paranoid genug, diesen in „Ortsgruppen“ und ein „Zentralleitungs-Komitee“ zu unterteilen (Anleihen bei braunen wie roten Totalitarismen sind unübersehbar). „Es gilt, die großen Ideen und Erkenntnisse Freuds zu bewahren und der folgenden Generation zu überliefern“, fabulierte Mitstreiter Sándor Ferenczi. Der gemütliche Kaffeeplausch war zu einer Art Welteroberungsplan mutiert. Zum Zeichen der Hingebung an Freud und die Analyse mussten alle Mitglieder einen goldenen Ring tragen, in dem ein antiker Stein aus Freuds Sammlung eingefasst war. Es war „die Guerilla-Periode der Psychoanalyse“ (Ferenczi). Wie eine verlässliche „Palastwache“ stellten sich die Erwählten schützend vor das große Werk und seinen Schöpfer: „Alles, was er uns sagte und sagen wird“, schrieb Ferenczi an Eitington, „muss mit einer Art Dogmatismus gehegt werden.“
Ein bedenklicher Umstand: Freuds Jünger hatten gar keine entsprechende Ausbildung. 1925 wurde sein Zögling Theodor Reik in Wien wegen Kurpfuscherei angeklagt. Er bot als Nichtarzt Heilung an, wofür er Literatur und Philosophie studiert hatte. Freuds treuer Adlatus Otto Rank hingegen war gelernter Schlosser und als Glasbläser tätig, ehe er zum Generalsekretär der Psychoanalytischen Gesellschaft berufen wurde.
Doch es gab noch ganz andere Probleme: Sex am Arbeitsplatz stand an der Tagesordnung. Worüber in Woody-Allen-Filmen gealbert wird, war in der Realität gang und gebe. In ihrem Report Muss den Liebe Sünde sein gehen die Autoren Sebastian Krutzenbichler und Hans Essers dem Thema „Verführung auf der Couch“ nach und stoßen dabei auf Abgründe. Im unmittelbaren Umfeld Freuds kam es zu zahlreichen sexuellen Übergriffen, bei denen Analytiker ihre Macht gegenüber psychisch abhängigen Patienten schamlos ausnützten. Diesen Urständ bei Schülern und Kollegen versuchte Freud mit einer „Abstinenzregel“ beizukommen. Der Reiz, dieses Tabu zu brechen, war meist stärker:

Carl Gustav Jung geht eine Beziehung mit Sabina Spielrein ein.
Sándor Ferenczi ist in eine Beziehung mit Gisella und Elena Palos, Mutter und Tochter, verwickelt.
Wilhelm Reich verliebt sich öfters in seine Patientinnen, bricht dann die Analyse ab, um außerhalb der „Behandlung“ ein normales Liebesverhältnis zu beginnen. Später heiratet er seine Patientin Annie Pink.
Georg Groddeck geht ein Verhältnis mit einer Patientin ein.
Wilhelm Stekel gleich mit mehreren.
Victor Tausk verliebt sich in eine 16 Jahre jüngere Patientin und geht eine Beziehung zu ihr ein. Kurz vor der Hochzeit erschießt er sich.
August Aichhorn geht eine Liebesbeziehung mit seiner Lehranalysandin Margaret Mahler ein.
Freud-Intimus Ernest Jones zahlte einer seiner Patientinnen 500 Dollar Schweigegeld, damit sie ihn nicht öffentlich der Verführung bezichtige.
Otto Rank und Rene Allendy gehen beide mit ihrer Analysandin Anais Nin eine sexuelle Beziehung ein.
Der ungarische Analytiker Sándor Rádo heiratet seine Analysandin Emmy.
Harald Schultz-Hencke nimmt die Frau seines Berliner Kollegen Gustav Bally wegen Eheschwierigkeiten in Behandlung, in deren Verlauf sie sich scheiden lässt. Schultz-Hencke überrascht sie während der Analyse mit einem Antrag. Sie heiraten. Die Ehe wird später geschieden.

Manipulation, Bestrafung und Erlösung bildeten nicht selten das Schema dieser Beziehungen, die oft in reine Abhängigkeitsverhältnisse ausarteten. In den Jahrhunderten davor nannte man diese Methode Exorzismus. Wie ausgerechnet die Psychoanalyse – sie gab den Startschuss in das Zeitalter der Moderne – in beinahe mittelalterlichen Mystizismus abdriften konnte, bleibt selbst den härtesten Kritikern Freuds ein Rätsel. „Er wollte eine neue säkulare und zugleich wissenschaftliche Religion für eine Elite, die die Menschheit führen sollte“, urteilt Sozialpsychologe Erich Fromm. Nicht zufällig erfand Freuds Neffe Edward Bernays den Wirtschaftszweig Public Relations.

Als konsequenter Religionsstifter erwies sich auch der Amerikaner L. Ron Hubbard. Auf einer Reise durch Panama begegnete er 1923 US-Navy-Commander Joseph „Snake“ Thompson, der bei Freud in Wien studiert hatte. Durch ihn wurde Hubbard schon im Kindesalter von Freuds Thesen geprägt. Hubbard, damals erst zwölf, begründete später die „Moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“ (Dianetik), die in ihrem Grundwesen der Psychoanalyse nicht unähnlich ist. Aus ihr ging später Scientology hervor.

MODERNE FRAUEN HABEN KEINEN PENISNEID
– HÖCHSTENS WENN SIE IN EINEM CLUB AUF
EINER VERDRECKTEN TOILETTE STEHEN.

Freud lebte in einer Fantasiewelt, die er selbst geschaffen hatte. In seinem Himmelreich war er allmächtig und konnte jeden verbannen, der ihm nicht gehorchte. 1927 scheiterte das „Geheime Komitee“. Die Idee von einer „Identität der Psychoanalye“ stellte sich als absurd heraus. Die Machtkämpfe und Eifersucht unter Freuds „Apostel“ brachten das Ende, weil sich jeder der Hoffnung hingab, als Nachfolger Freuds auserkoren zu werden. Am Schluss sah man sich dazu hingerissen, einander „Paranoia“ und „Psychosen“ vorzuwerfen. Freuds geheime Superelite zerbrach, doch der große Plan ging dennoch auf: Mit weltverzeigten Niederlassungen und internationalen Kongressen konnte die Psychoanalyse längst als autonome „Glaubenslehre“ etabliert werden, ohne auf den universitären Bildungsapparat angewiesen zu sein. Den Zepter reichte Freud an Tochter Anna weiter – eine Volksschullehrerin. Auch sie lag bei Daddy auf der Couch und starrte auf das Bild von Abu Simbel, während er sie analysierte. Ansonsten behandelte er sie wie eine Sekretärin. Und sie enttäuschte ihn nicht. Die treusorgende Tochter entwickelte die Kinderanalyse. Auch tollende Bälger müssen von ihren „Neurosen“ befreit werden. 1925 tauchte plötzlich die New Yorker Millionärin Dorothy Burlingham-Tiffany mit ihren vier Kindern in Wien auf, um die bahnbrechende Psycho-Methodik zu erlernen. Hals über Kopf verliebten sich Anna und Dorothy ineinander und gingen eine lesbische Beziehung ein, die für ein Leben währte. Dorothy war Erbin des berühmten Juweliers Tiffany von der 5th Avenue. Vater Sigmund war happy: „Gottlob, Anna ist versorgt!“

1938 emigrierte Freud im luxuriösen Orient-Express ins Londoner Nobelviertel Hampstead, samt Personal und Leibarzt. Napoleons Urenkelin Marie Bonaparte hatte die Ausreise erwirkt. Sogar Mussolini und Roosevelt intervenierten bei Hitler, Freud schonend zu behandeln. Vor seiner Abreise musste Freud bestätigen, von den Nazis korrekt behandelt worden zu sein. Sein höhnischer Zusatz: „Ich kann die Gestapo jedermann empfehlen.“

1956 analysierte Anna Freud in London Marilyn Monroe, die bei Dreharbeiten mit dem „unhöflichen“ Sir Laurence Olivier – er wollte keine Affaire mit ihr – in tiefe Depressionen verfiel. „Paranoia mit schizophrenen Zügen“, lautete die Diagnose. Später vererbte Marilyn einen beachtlichen Teil ihres Vermögens der Anna-Freud-Stiftung. Dabei kannten sie einander nur kurz. „Diese Erbschaft wurde zweifelsohne von Marilyns Analytikern in den USA empfohlen, die mit Anna Freud eng vertraut waren“, erklärt Jeffrey M. Masson, ehemaliger Direktor des Sigmund-Freud-Archivs in London. Für Luciano Mecacci – Vize-Rektor der Universität Florenz – ist „der Fall Marilyn“ vielleicht das anschaulichste „Desaster der Psychoanalyse“ überhaupt.

Hat Sigmund Freud die Welt bloß hypnotisiert? Diese Möglichkeit will Literaturhistoriker Richard Webster nicht ganz ausschließen: „Sigmund Freud ist der Schöpfer einer komplexen Pseudo-Wissenschaft, die als eine der größten Torheiten der westlichen Zivilisation erkannt werden sollte.“ Als „Entdecker des Unbewussten“ wird er gepriesen. Der Hohn dabei: Das „Unbewusste“ ist ein rein umgangssprachlicher Begriff, der in der Fachliteratur nicht zu finden ist. Das hier etwas nicht stimmen kann, fiel auch dem prominenten Physiker Max Planck auf: „Eine Wissenschaft des Unbewussten gibt es nicht. Sie wäre ein Widerspruch in sich. Was unbewusst ist, weiß man nicht. Daher sind alle Probleme, die sich auf das Unterbewusstsein beziehen, Scheinprobleme.“
Offen bleiben auch Fragen bezüglich der Urheberschaft Freudscher Ideen: Die Analyse hat er nicht erfunden, sondern vom Physiologen Josef Breuer übernommen. Die Traumsymbolik beschäftigte den Philosophen Karl A. Scherner schon 40 Jahre vorher, ganz zu schweigen von den alten Ägyptern. Den Begriff „Es“ – er wird fälschlicherweise Freud zugeschrieben – hat er ungeniert beim Psychosomatiker Georg Groddeck „entliehen“.
Freuds angebliche „Entdeckung“ wurde schon von den Romantikern in der ersten und vom philosophischen Zeitgeist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kultiviert. Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche und dem sogenannten „Unbewussten“ kann bis zur antiken Philosophie zurückverfolgt werden. Unmittelbare Vorgänger Freuds waren die Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Auch bei Goethe und Schnitzler können literarische Analogien psychoanalytischer Theorien gefunden werden.

SIGMUND FREUD IST ALS AUTOR INTERESSANT,
NICHT ALS DENKER. SEINE IDEEN HABEN MICH
NIE BEEINDRUCKT. ER KANN GUTE GESCHICHTEN
ERZÄHLEN. FÜR MICH IST ER EIN ROMANAUTOR.
John Irving, Schriftsteller

SF – seine Initialen allein klingen wie Science Fiction. Die Hauptkritikpunkte an seiner Psychoanalyse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Sie ist längst als Pseudo-Wissenschaft entlarvt, weil sie auf falschen Theorien beruht; als Therapie ist sie ineffizient und als Forschungsmethode ungeeignet, ihre eigenen Theorien zu überprüfen. „Eine These ist nur dann wissenschaftlich, wenn sie widerlegbar ist“, argumentierte Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper (der heuer keinen runden Geburtstag feiert).
Dennoch hat keiner unser Denken mehr beeinflusst als er. Besser geworden ist die Welt dadurch nicht. Noch immer gibt es Krieg, Mord und Amokläufer. Und wie Albert Einstein an Freud schrieb, sind es „Mächtige psychologische Kräfte“, die alle Bemühungen lähmen „die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien“.
Freud war bestrebt, eine Art Monopol zu errichten, auf das „Unbewusste“ im Menschen, das er entdeckt haben will. In seinen Augen sind wir Lutscher und Kacker, deren „Ich“ nicht Herr im eigenen Haus ist. Doch der Mensch ist kein „unbewusstes“ Wesen. Nur kann er, simpel gesagt, nicht alles, was er im Hirn hat, gleichzeitig in den „Arbeitsspeicher“ laden, weil hierfür die Datenmenge zu groß wäre. Es ist das genaue Gegenteil, das den Homo Sapiens ausmacht: unser Bewusstsein. Unsere Fähigkeit zu erkennen, das wir existieren. Das Triebe unsichtbar sind, war nicht wirklich neu. Von menschlichem Gefühl oder Fantasie sprach er nie.

Sigmund Freud kann heute nur mehr von kulturhistorischem Interesse sein. Er sollte als das erkannt werden, was er tatsächlich war: ein genialischer Philosoph. Sein Werk wäre vielmehr der Literatur zuordenbar als der Wissenschaft. Freud wird seine Gründe gehabt haben, warum er seinem „literarischen Doppelgänger“ Arthur Schnitzler (Die Traumnovelle) stets aus dem Weg ging. Als Seeleningenieur war Freud mit Vorsicht zu genießen, wie zahlreiche Kunstfehler belegen. Er war ein guter Geschäftsmann, ein exzellenter Lobbyist, ein passabler Schriftsteller – aber letztendlich doch eher ein ziemlich schlechter Arzt.

© JIMMY DEIX – veröffentlicht im Magazin Wiener, April 2006

Happy Family – die Freuds

Edward BernaysFreuds Neffe Edward Bernays erfand den Wirtschaftszweig Public Relations, basierend auf der von seinem Onkel entwickelten „Massenpsychologie“

Clement Freud

Enkelsohn Clement Freud: Britischer Parlamentarier und Werbeträger für Hundefutter


Emma Freud

Emma Freud ist federführend bei den „Roten Nasen“ (Comic Relief)


Matthew FreudMatthew Freud: PR-Berater von Tony Blair, Gerri Halliwell, Claudia Schiffer und Pepsi Cola


Der Einfluss der Familie Freud istweltumspannend. Freuds Neffe, der gebürtige Wiener Edward Bernays, ist Erfinder des Wirtschaftszweiges Public Relations. Er war der erste, der die Berufsbezeichnung PR-Agent trug und gilt als „Vater aller Spin-Doktoren“. Von der US-Regierung mit patriotischen Kampagnen beauftragt, kreierte er Slogans wie „Krieg für Demokratie“, die noch heute Wirksamkeit zeigen. Bernays Theorien dienten der Umsetzung der modernen politischen Demokratieformen, die auf „Konsens“ bzw. „unterstellter Zustimmung“ beruhen: „Ein wichtiges Element einer Demokratie ist die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der breiten Masse“. Bernays Buch Propaganda (1928) – basierend auf Freuds „Massenpsychologie“ – wurde nicht nur für die PR-Industrie zum Standardwerk. Im „ingenieurmäßigen Aufbau von Konsens“, liegt „das Herzstück aller demokratischen Prozesse“, so Bernays 1949, kurz bevor er von der Amerikanischen Gesellschaft für Psychologie für seine Arbeiten geehrt wurde.

Öffentlichkeitsarbeit ist auch das tägliche Brot von Matthew Freud (43). Er ist der „King of Promo“ Großbritanniens. Als Manager von Löffelverbieger Uri Geller verdiente er Millionen. Er kaufte den privaten Groucho-Club in Soho, das noble Epizentrum der britischen Presse (der es hier an nichts fehlt). Matthew verließ seine Frau, um Elisabeth Murdoch zu heiraten, womit er Schwiegersohn des multinationalen Medienmagnaten Rupert Murdoch wurde. Seine Ex-Frau verkuppelte er mit Lady Dianas Bruder, dem Earl of Spencer. Freuds Ur-Enkel Matthew ist heute erfolgreicher PR-Berater von Premier Tony Blair, Claudia Schiffer, Geri Halliwell und Pepsi Cola. Es darf angenommen werden, dass die Beziehung zwischen Claudia Schiffer und dem Magier David Copperfield reinen PR-Zwecken diente.

Matthews Schwester Emma Freud – federführend bei den „Roten Nasen“ (Comic Relief) – ist mit Richard Curtis verheiratet, dem Gagschreiber von „Mr. Bean“ und Drehbuchautor des romantischen Filmhits „Notting Hill“, der in der privaten Wohnung des Ehepaares gedreht wurde. Die berühmte blaue Haustür musste danach ausgetauscht werden …

Emmas und Matthews Vater Sir Clement Freud (82), war Werbeträger für Hundefutter, ehe er ins britische Parlament berufen wurde. Dazwischen schrieb er Kochbücher, Ratgeber über „Hangovers“ und war Diskussionsleiter der BBC-Radio-Show „Just A Minute“.

Enkelsohn Lucian Freud (84) ist Reformator und Großmeister der britischen Portraitmalerei, wenngleich ihn viele seiner Landsleute eher für einen hemmungslosen Darsteller menschlicher Fleischmassen halten. Seine Modelle sitzen oft wochenlang unter dem schonungslosen Licht einer 500-Watt-Birne. Das Resultat sind psychologisch eindringliche Porträts, die dem Künstler zu weltweiter Anerkennung verhalfen. Sogar die Queen kaufte eines seiner Portraits. Er verkehrt im Hoch- und Geldadel. Auf den Rennbahnen geht er auch tieferen Neigungen nach, wo er Unsummen auf falsche Pferde setzte. Doch Geld kommt wieder rein. Nach Jerry Hall malte auch die schwangere Kate Moss nackt, wie Gott sie schuf, wobei ihm ein grober Schweinshaarpinsel behilflich war. Der Akt erzielte bei einer Christie’s-Auktion satte  5,7 Millionen Euro.

Queen Elisabeth

Queen Elisabeth, portraitiert von Lucian Freud. Die Queen erwarb das Gemälde für die eigene Sammlung im Buckingham Palace

Kate Moss

Lucian Freud malte die schwangere Kate Moss, mit einem groben Schweinshaarpinsel

© JIMMY DEIX – veröffentlicht im Magazin Wiener, April 2006

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