Sweet Charity

By Jimmy Deix

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Unlängst rief mich Dagmar an und fragte, wann ich sie wieder besuchen würde. Wir hätten uns lange nicht mehr gesehen. Außerdem sei ihr Laptop kaputt, und vielleicht könnte ich ihn bei der Gelegenheit gleich reparieren …

von JIMMY DEIX

„Steh nicht an der Tür – komm doch rein“, strahlt Dagmar, als ich wenige Tage später bei ihr auf der Matte stehe. Privater als privat ist eben nur der charmante Hausgast zur Blauen Stunde. An unseren behaglichen Kaminabenden trinken wir immer intensiven Pflaumentee aus Japan, der kurioserweise nach Rindsuppe schmeckt. Wir tauschen Neuigkeiten aus und hören Schallplatten. Dagmar ist gut sortiert. Schon bald liegen am Teppich überall Covers und Staubhüllen verstreut: Sag mir wo die Blumen sind von Marlene; Don’t Touch My Tomatoes von Josephine …

Eher beiläufig blättern wir Zeitschriften und Magazine der letzten Woche durch und analysieren hausbackene Modestrecken mit selbstgebastelten Promis. Dagmar möchte wissen, wer diese Desirée sei. Angeblich besitzt sie über tausend Paar Schuhe. „Ist das nicht die Gattin ihres Bankdirektors“, kläre ich Dagmar auf. Seitenweise gelangen wir schließlich zu den internationalen Superstars.
„Wie gefällt ihnen eigentlich die Madonna“, will Dagmar wissen.
„Je älter sie wird, umso besser“, antworte ich, wissend, genau das richtige gesagt zu haben.

Als der Tee langsam auskühlt, steigen wir um auf Büffelgras-Wodka, und ich bekomme herrliche Geschichten aus der Zeit am Broadway zu hören – etwa von Barbra, die immer Is there anyone to fuck? rief, wenn sie in die Garderobe kam.
Später hören wir Filmmusik von Ennio. Dagmar mag den dramatischen Ausdruck seines Orchesters und dreht lauter. Währenddessen liegt ihr Ehemann in einem der Nebenzimmer schon im Bett und sieht fern. Nachrichten. Von all dem Krawall läßt er sich nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen. Auch nicht, als die beängstigend schiefe Mundharmonika von Spiel mir das Lied vom Tod durch den Salon hallt und Dagmar die Boxen ihrer Stereoanlage bis an ihre Grenzen strapaziert. Beim fulminanten Gitarreneinsatz, der den Takt trifft wie ein Hammer den Nagel, beginnt Dagmar aus Verzückung zu headbangen. Sie schüttelt ihr Haar und tanzt wie Madonna in Hung Up. Und ich stelle fest: Die Bühnenlegende lebt. Sie hat noch immer fantastische Beine.

„Was hat der Rechner denn“, frage ich, als wir nach Stunden doch auf das kaputte Notebook zu sprechen kommen. „Es ging überhaupt nichts mehr, also habe ich angefangen, irgendwelche Programme zu löschen“, gesteht Dagmar blauäugig. Ich reagiere mit blankem Entsetzen. So etwas darf man doch nicht machen! Ich nehme sogleich am Schreibtisch Platz und ziehe die Maschiche hoch. Der Desktop ist übersät mit uninspirierenden Icons von Irfanview, die wie kleine Blutklekse aussehen. „Ich kann keine Bilder mehr versenden – ich kann sie nicht einmal öffnen“, klagt die Diva, mit leisem Anklang von Übellaunigkeit in ihrer Stimme. Zwar habe ich nicht den blassesten Schimmer, wo der Status Quo liegen könnte, doch ich fühle mich gefordert. Also browse ich planlos umher, drücke einfach irgendwo drauf. Bei meinen stümperhaften Problemlösungsversuchen sieht mir Dagmar über die Schulter und ich rieche deutlich ihr Parfum (Arpège von Lanvin). Als ich im Ordner „Portugal“ ein beliebiges JPG anklicke, öffnet sich plötzlich ein Urlaubsfoto von der Algarve – mit Michael in roter Badehose und einer Blondine auf einem Badetuch. Beide patschnass. Dagmar kreischt: „Das sollst du nicht sehen!“ Sie entreißt mir die Maus und schließt eilig das Foto wieder. Dabei murmelt sie: „Es ist halt ein Wahnsinn, wenn man die Leute alle kennt …“ Sapperlott! Das hätte ich von Michael nicht gedacht – bei aller Freundschaft. Seine Frau war die Dame auf dem Bild jedenfalls nicht.

Wir wursteln weiter herum. Vielleicht geht es mich ja wirklich nichts an, wenn Michael mit einem Flitscherl auf Urlaub fährt. Immerhin: Die Bilder lassen sich scheinbar wieder öffnen. Als ich probiere, Software neu zu installieren, ist auf einmal auch das Internet wieder intakt. Rechts unten kommt nämlich das zartblaue Fenster des Inbox-Melders hoch. Auf dem steht: „Sie haben eine Nachricht von Larry erhalten.“ Liebe Grüße aus Malibu Colony. „Siehst Du“, seufzt Dagmar, „ihm will ich die ganze Zeit Bilder von der Hofreitschule schicken – aber es geht nicht!“ Dabei liebt Larry weiße Pferde, die unterm Lobmeyr-Luster Ballet tanzen. Sowas gab’s auf Southfork nie.

Es ist spät geworden. Wir brechen ab. Dagmar hat schon ganz kleine Augen. Aber gehen kann ich jetzt noch nicht. „Ich wollte Dir ja noch dieses sensationelle Musical zeigen“, beharrt meine Gastgeberin. Die Rede war von Funny Girl, 1968. Auf der gläsernen Wendeltreppe, die in die zweite Etage der Wohnung führt, überkommt mich dann die Frage, was am Notebook überhaupt kaputt gewesen sein soll. War mein Engagement als Troubleshooter völlig umsonst? Dagmar sucht die Kassette. Im Fernsehzimmer türmen sich all die Videos – von Liza, Judy, Julie, Shirley …

 

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 11 zum Thema „Identität“,
April 2007

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