Archiv für Oktober 2007

Tantes Inferno

Oktober 1, 2007

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JIMMY DEIX über Sprache als Tool zur Überbrückung unterschiedlicher Wahrnehmungen.

Ich staunte nicht schlecht, als ich kürzlich Dagmar im Internet besuchte, um zu sehen, was es neues gab. Ein türkischer Hacker hatte ihre Website geknackt und auf der Homepage scherzhalber eine GIF-Animation hinterlassen. Das bewegliche Bildformat zeigte ein schreckliches Fantasy-Monster, das mit einer blutigen Doppelaxt wild um sich drosch. Der grauenhafte Kerl hatte durchaus Ähnlichkeit mit Mr. Lordi aus Finnland.

Ich schickte Dagmar ein kurzes Mail, um sie darauf hinzuweisen, denn ich war mir sicher, dass sie davon nichts ahnte. Ein paar Stunden später läutete das Handy. Es war kurz gegen Mitternacht – die Zeit, in der sie in Ruhe ihre Mails checkt. Schon beim Klingeln des Telefons konnte ich ihr Kreischen erahnen. Da ich mich gerade in einer schummrigen Bar aufhielt, ging ich auf die Gasse hinaus, um sie besser zu verstehen: „Was sagt man dazu?“ beklagte sie rauschfrei. Sie war völlig geplättet über den unliebsamen Besuch auf ihrer Website und hatte auch gleich einen Verdacht: „Das war bestimmt mein ehemaliger Agent“, vermutete sie. „Der ist böse auf mich, weil ich einen neuen habe“.
„Glauben sie wirklich“, erwiderte ich. „Ihr alter ist doch kein Türke.“

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Dagmar hätte gute Lust gehabt, das ganze Graffelwerk hinzuschmeissen: „Wozu brauche ich eine Website“, dachte sie laut. „Die Leute wissen ohnedies alles von mir.“ Doch dann wollte sie der Sache auf den Grund gehen. „Was kommt denn da?“ gluckste sie. „Ein türkischer Porno?!“
„Um himmels willen, gehen sie da bitte raus“, warnte ich sogleich. Und das sagte ich nicht etwa, weil ich wusste, dass sie dunkel behaarte Männeroberkörper schätzt. Man ist ja kein Spielverderber. „Ich sage ihnen, meine Mailbox ist bumsvoll mit Werbung für Viagra“, monierte sie. „Wie kommen die bloß ausgerechnet auf mich?“ … plötzlich reißt die Verbindung ab. Mein Mobilfunknetzbetreiber kann sich in der Innenstadt scheinbar die Sendemasten nicht leisten. Danach höre ich wochenlang nichts von ihr. Nicht einmal auf mein durchaus sachlich gehaltenes Gedicht über Frauenfantasien reagierte sie. Doch dann, geraume Zeit später, endlich eine Nachricht. „Bin wieder da – mein Computer war voll mit Virus.“ Die Technik ist eben doch ein Segen, denn nun, als das Monster verschwunden war, konnten wir unseren regen Austausch über Weltliteratur wieder fortsetzen. Die Wortwörtlichkeit des Simplicissimus bei Grimmelshausen; die Plastizität der Figuren bei Cervantes und die erstmalige Verwendung des Volkssprache (vulgari eloquentia) in der Götlichen Komödie. Ein genialer Clou, der in weiterer Folge nicht nur Bauernaufstände zur Folge hatte, sondern vielleicht auch der allgemein verständlichen Belletristik von heute den Weg ebnete (obgleich man dies kaum für möglich hält, wenn man in den Gesängen wie dem „Inferno“ schmökert). All diese böhmischen Dörfer eben.

Das Leben beginnt mit der Wahrnehmung, und da diese meist unterschiedlich zu anderen ist, hilft uns die Sprache, etwaige Differenzen zu kompensieren. Etwa wenn man ein Kebab-Sandwich bestellt (mit oder ohne Zwiebel, scharf oder eben sehr scharf). Kein Wunder also, dass sich viele unverstanden fühlen und wie blubbernde Blasen durchs Leben laufen. Man kann über alles reden, doch die unsachgemäße Andwendung von Sprache kann zum Streit führen oder sogar zum Einsturz von Turmbauten. „Mein Computer versteht mich nicht“, beteuert meine Tante immer wieder, und deshalb riet ich ihr, ein Spracherkennungsprogramm zu installieren. Sie ist eine unter vielen – e pluribus unum – denen der Computer Rätsel aufgibt. Doch eines Tages sollte man ihm Rätsel aufgeben, denn dazu ist er da.

Als ich Tante Dagmar das nächste mal wieder im realen Leben besuchte, brach bei meinem Eintreffen sogleich das nächste Malheur aus ihrer Technikwelt über mich herein. „Mein Fernseher ist kaputt – der ORF geht nicht“, stöhnte sie und reichte mir die Fernbedienung. Vielleicht könne ich die schwarzen Balken aus dem Bild wegbekommen. The Handyman can. Sie selbst hätte es schon mit jeder Taste probiert. Der Fernseher ist nicht kaputt, erkläre ich, ganz ohne Fachchinesisch. Das sei wegen der Umstellung auf ORF Digital. Tatsächlich hat ihr alter Kobel noch keine Umschaltfunktion auf 16:9. Was soll’s? Sieht doch schick aus. Cinemascope ist sexy!
„Aber ist das nicht pietlos, wenn der Papst im Fernsehen gerade eine lateinische Messe predigt?“ befürchtete Tante Dagmar. Papperlapapp! Hauptsache man versteht jedes Wort. Und wer sich mit Sprache schwer tut, dem bleibt immer noch die Imagination. Denn das Leben ist eines der härtesten – mit oder ohne Computer. Und Deutsch ist ein Wahnsinn.

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 13 zum Thema „Sprache“,
Oktober 2007