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JIMMY DEIX über Window Shopping, Edelkonsumenten und die schönen Dinge des Lebens.
Als ich neulich mit der Dame meines Herzens zum Frühstück verabredet war, kam mir die Idee, es Holly Golightly gleichzutun, die es nach durchgebrausten Nächten noch lange nicht nach Hause zog. Mit Junk-Food in der Hand, suchte sie frühmorgens immer die Schaufenster in 727 5th Avenue auf – der berühmten New Yorker Adresse von Tiffany & Co. Dank dem Internet kann heute aber jeder bei Tiffany frühstücken: einfach den Rechner hochziehen, während im Hintergrund die Kaffeemaschine blubbert, und tiffany.com in den Browser eingeben. Sobald am Bildschirm silbernes Geschmeide glitzert, beißt man genußvoll in sein Croissant. Das hat Klasse. Besonders Raffinierte laden dazu Henry Mancinis Moon River in den Player. Smart wie du bist, wird es dir deine Freundin bestimmt nicht übel nehmen, dass es keine echten Diamanten zum Frühstück gibt – vorausgesetzt, sie ist ein „Huckleberry Friend“.
Kommerzielle Websites sind auch nichts anderes als Schaufenster. Ein Freund von mir, der eine Werbeagentur leitet, nennt seine Webdesigner deshalb „Fensterputzer“. Und so sehen sie auch aus. „Diese Computer-Nerds sollten öfter mal auf die High Street gehen“, beteuert meine Muse, während sie uns Kaffee nachschenkt. In Bits und Bytes kann man sich nicht hüllen, und außerdem flanieren dort schöne Frauen. „Wer nur am PC rumhockt, verändert die Welt bestimmt nicht, pflichte ich bei. Kein Wunder, dass Nerds meistens Single sind, mit ihren grauen Kapuzzenpullis, ihren PVC-Taschen und den Musikstöpseln im Ohr. Es ist eben nicht jeder ein Konsumpionier, der jedes neue Produkt als erster haben muss. Etwa jene, die unentwegt bei Wendy & Jim anrufen, um zu fragen, ob die neue Kollektion schon da ist. Koffer gibt es überall, aber nicht jeder ist von Louis Vuitton.
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Im Laufe des Vormittags besuche ich dann einen Freund der Ferraris sammelt. Er besitzt Hunderte davon. Auch er ist der Meinung, dass Mick Jagger bestimmt mehr Spaß im Leben hat als Bill Gates. Und wenn ich dann im Angesicht der Vitrine das Leuchten in seinen Augen sehe, mit dem er seine roten Flitzer von Matchbox und Corgi Toys bewundert, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er sich eines Tages einen echten „Testarossa“ zulegen möchte. Doch mein Freund belehrt mich eines Besseren: „Man kauft sich keinen Ferrari – von einem Ferrari träumt man“, erklärt er. „Kaufen würde man einen Jaguar.“ Die Erfüllung seiner Wünsche bringt nämlich mit sich, dass diese real werden und demnach keine Träume mehr sind. Darunter leidet die Imagination – der Kaufakt wird zum Fantasieraub ersten Ranges. Das überzeugt mich durchaus, weshalb ich sogleich ein Autohaus in der Ringstraße aufsuche, um eine Probefahrt mit einem „Sovereign“ zu vereinbaren – natürlich in British Racing Green. Während ich so tue, als ob ich mir die Karre tatsächlich leisten könnte, schippere ich meine Freundin zum Flughafen. Sie braucht wieder einen London-Fix, wie sie es nennt – Fortnum & Mason, Selfridges, Harvey Nichols, Harrods und wie ihre geliebten Greißler alle heißen. Beim langen Abschiedskuss am Gate ringe ich ihr das Versprechen ab, auf die Vinylsingle Anarchy in the UK von den Sex Pistols nicht zu vergessen, denn Mitbringsel müssen sein. Die begehrte EMI-Pressung wurde zum 30jährigen Jubiläum neu aufgelegt. Allein schon wegen der Zeile „Your future dream is a shopping scheme“ will sie mir nicht mehr aus dem Sinn.
Shopping ist Veränderung. Es verspricht uns jeden Tag ein neues Leben. Doch was nützt uns wirklich? Werbeleute sagen: Ja, dieses Produkt können wir verkaufen. Sie fragen aber nie, ob es überhaupt wer braucht. Konsumverweigerung fällt in Wien ohnehin nicht schwer, der Stadt übler Shopping-Albträume, mit Trash-Meilen ohne Charme. Man denkt, es sei das Ende der Welt, dabei ist nur Winterschlussverkauf. Julius Meinl V. musste einmal extra nach Zürich jetten, bloß um ein Buch zu kaufen, das am Graben partout vergriffen war. Dabei diente dem Architekten Victor Gruen, dem Erfinder der amerikanischen Shopping Mall, die Wiener Innenstadt als Leitmotiv. In seinen Augen bot sie die richtige Mischung aus Attraktionen, Einkaufsmöglichkeiten und Erholungszonen, wie die Kaffeehäuser und die Parks.
Wie unterschiedlich Kaufgewohnheiten sein können, ließ mir jedoch ein reicher Amerikaner klar werden, den ich einmal bei Dan Tana’s in Hollywood kennenlernte. Er wollte wissen, woher ich komme. „I am from Vienna, Austria“, antwortete ich, „do you know it?“. „Sure“, brüllte er los. „It’s a nice little country – I would really like to buy it …“ Wie einst Jackie Onassis, konnte auch er sich nicht vorstellen, dass auf diesem Planeten etwas existiert, das man nicht kaufen kann. Und damit liegt er mit Gerrit Six voll auf einer Wellenlänge. Das war jener belgische Blogger, der letzten Sommer auf eBay das Königreich Belgien zum Verkauf anbot. Zum Ausrufungspreis von nur einem Euro. Der Scherzkeks war immerhin ehrlich genug, auch die Mängel seines Angebots zu erwähnen: 300 Mio. Euro Staatsschulden (was jedoch nicht der Grund war, warum das dreiste Angebot drei Tage später von eBay wieder gelöscht wurde). Das Internet ist eine tolle Sache, aber kann man dort auch gemeinsam Pferde stehlen?
Am Abend erhalte ich Nachricht aus London, direkt von der Shopping-Front. Darling erzählt mir, sie hätte in Chelsea einer Dame gegenüber ein Kompliment ausgesprochen, ob ihres guten Geschmacks und des Understatements ihres Schmucks von Elsa Peretti. Der Herzanhänger sei aber von Tiffany, konterte diese trotzig, offensichtlich in Unkenntnis darüber, dass Erstgenannte führende Designerin bei Tiffany ist. Manche Leute verdienen es wirklich nicht reich zu sein.
Vor dem Schlafengehen schmökere ich später noch in der lehrreichen Fibel How to Buy a Diamond. Zu wissen, was beim Kauf eines Diamanten zu beachten ist, über Reinheit, Dichte und Schliff, zählt schließlich zur Allgemeinbildung eines jeden weltgewandten Herren, oder? Valentinstag kommt bestimmt.
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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 14 zum Thema „Shopping“,
Jänner 2008