Die Gerüchte sind wahr

By Jimmy Deix

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JIMMY DEIX über neue Wegwerf-Computer, „Windows Vienna“ und die besten Fenstertage mit Bill Gates.

„Sch…eibenkleister“, flucht Sunny und wirft seinen Computer aus dem Fenster. Das Resultat einer reinen Affekthandlung in einem unbesonnenen Moment des Irrsinns. Ein totaler Blackout. Wie in Zeitlupe wirbelt das anthrazitfarbene Notebook in den blauen Wolkenhimmel und rotiert mehrmals um die eigene Achse – dazu die anschwellenden Klänge des Donauwalzers … Es ist der letzte Flug der „MS Dos Gericom“, ehe das Ding mit einem fürchterlichen Krach am Asphalt zerschellt. Eine Supernova aus Plastik setzt in Sekundenbruchteilen berstende Chips und splitternde Platinen frei. Dabei hatte Sunny die Kiste erst vor einigen Monaten gekauft – bei irgend einem Lebensmittel-Discounter, um 400 Euro. Seine Ex-Freundin arbeitet dort. So musste er auch nicht anstellen. Jetzt ist das Graffelwerk aber endgültig hin.
Er war in Rage geraten, weil sich gespeicherte Dokumente seiner Arbeit nicht mehr öffnen ließen. Und Sunny nimmt seine Arbeit sehr sehr ernst. Auf billigen Rechnern werden von gewissen Programmen oft nur Testversionen mitgeliefert. Die laufen recht bald ab. Du kriegst deine Files dann nicht mehr auf – auch nicht mit einer älteren Programmversion. Sunny ist einer von diesen Premium-Loser aus Basic Home.

Die aufkeimende Wut hatte sich zunächst in kleinen Schüben bemerkbar gemacht, die immer häufiger auftraten, begleitet von nicht ganz jugendfreien Flüchen. Dann zuckte er völlig aus, was nötig war, um sich Luft zu verschaffen. Sunny würde gerne andrehen, wenn er nur könnte. Aber wenn er redet, hört ihm niemand zu. Weder die Leute beim Kundenservice und seine Ex schon gar nicht. Aus diesem Grund plant er aus dem Hinterhalt des Weinviertels eine gezielte Aktion: Ein Attentat will er aushecken. Etwa auf eine ohnehin geschundene Regalbetreuerin? Nein, auf niemand geringeren als Bill Gates! „Das lasse ich mir nämlich nicht gefallen“, begründet Sunny sein Vorhaben. Bei blankem Terror bekommen wir alle unsere Splitter ab, doch irgendeiner muss schließlich dafür büßen.

Dabei steckt Bill Gates in einer durchaus ähnlichen Situation wie Sunny. Seit kurzem ist auch er gewissermaßen ohne Job. Er arbeitet nicht mehr bei Microsoft. Offiziell war der 27. Juni 2008 sein letzter Arbeitstag. Mit diesem Datum hat sich der Milliardär aus dem operativen Geschäft des Konzerns zurückgezogen. Er überlegt nun, was er mit den exorbitanten Reichtümern seiner Privatstiftung anstellen soll, an karitativem. Schließlich kann Bill nicht all sein Geld in McDonald’s-Aktien investieren. Freunde hat er auch kaum noch – weder bei den Kartellbehörden und schon gar nicht bei der EU-Kommission, die Microsoft seit 15 Jahren regelmäßig verklagt. Laut Forbes Magazine ist er auch nicht länger der reichste Mann der Welt, erstmals seit zehn Jahren, wenn auch nicht derart verarmt wie Sunny.

Sunny geht jetzt öfters mit seinen Hunden spazieren, raus in die freie Natur. Computer hat er ja keinen mehr, an dem er stundenlang hocken könnte. Am nächsten Vormittag telefoniert er mit einer Glaserei in Mistelbach. Das Fenster, durch das er sein Notebook geschleudert hatte, war zur Tatzeit auch noch geschlossen gewesen. Doch vielleicht kann er bald aufatmen. Die Tage von Vista sind gezählt. Wie Insider vermuten, wird das neue Betriebssystem von Microsoft nicht erst Ende dieser Dekade vom Stapel gelassen, sondern bereits 2009. Das soll noch ruhiger laufen. Vielleicht bringt das mehr Stabilität in Sunnys Leben – und mehr Durchblick.
Schon der Name ist eine Verheißung: Der Vista-Nachfolger wird „Windows Vienna“ genannt. Das ist der Codename für Windows 7 während der Entwicklungsperiode. Wieso aber ausgerechnet „Vienna“? Etwa weil dort auch nichts funktioniert?!
Umkehrschlüsse wie diese scheinen zulässig. Immerhin taufte Bill seine Software „Windows“, obwohl er selbst Gates heißt, was ja vielmehr „Tore“ oder „Pforten“ bedeutet und nicht „Fenster“.
Ein Sprecher von Microsoft erklärte aber, man habe sich für „Windows Vienna“ entschieden, weil der Name „die Fantasie anrege“. Die Firma leite Codenamen von Städten ab, „die in der Welt als große Lichtblicke bekannt sind. Orte eben, die jeder sehen und erleben will.“

Bill Gates war bislang vier mal in Wien. Es hat ihm immer ausnehmend gut gefallen. Meist war die Expertenmeinung des ewigen Nerds gefragt – bei hochkarätigen Kongressen oder Round-Table-Gesprächen. Eine Hubschrauber-Landung am Heldenplatz wurde ihm zwar nicht bewilligt, dafür waren die Sicherheitsvorkehrungen enorm, vor allem wegen der Wiener Mehlspeisen. Gates hatte nämlich ausdrücklich anordnen lassen, nur zuckerfreie Getränke und fettarme Kost zu sich zu nehmen. Also kein Apfelstrudel und auch keine Torte, wie damals in Brüssel …

Um Sunny braucht man sich keine Sorgen mehr zu machen. Zwar mutmaßen seine Nachbarn, er sei suizidgefährdet und für einen wie ihn könnte ein Fenster schnell zu einer Tür werden. Seit kurzem lässt er sich aber regelmäßig in der Konditorei seines Heimatdorfes blicken. Neben zwei gammeligen Gaststuben ist es das einzige Lokal in dem elenden Nest, in dem er lebt, wo selbst das Internet keine Prävention für Vereinsamung ist.
Die leuchtenden Vitrinen strotzen vor granuliertem Glück, vor Zucker in Form von Schaumbomben und Esterhazy-Schnitten. Sunny kauft eine Cremetorte im Ganzen. Die spendet Trost. „Wolltest du nicht ein Attentat planen?“ fragen ihn die Dorfleute. „Was willst du mit der riesigen Torte?“. Sunny ist gut im Werfen von Dingen. Er hat ja mit seinem Notebook schon geübt: „Die ist für Bill…“ kontert er mit argwöhnischem Lächeln.

Seht ihr? An Sunny und seinem sonnigen Gemüt kann sich jeder richtiggehend ein Beispiel nehmen.

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 18 zum Thema „Upgrade“, Jänner 2009

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