Prototypisches Wohnen – Manifest der Zukunft
by Jimmy Deix
Schon heute wohnen wie morgen. Der renommierte Futurologe und Trendforscher MATTHIAS HORX plant im Wienerwald einen fantastischen „Bungalow des 21. Jahrhunderts“, in dem er mit seiner Familie leben und arbeiten wird. Ein Objekt, das eher einem hypermodernen Raumschiff ähnelt als einer Stadtrandvilla. Mit JIMMY DEIX sprach er über seine ambitionierten Baupläne.
Zukunftsforscher zu sein ist einer der faszinierendsten Berufe, die man sich nur vorstellen kann. Man durchlebt die spannendsten Themen und erfindet die Welt täglich neu. Der Wahl-Wiener Matthias Horx gilt in diesem Metier nicht nur als Koriphäe, er hegt auch den kühnen Plan, sein theoretisches Wissen über mögliche Erscheinungsformen der Zukunft schon jetzt in sichtbarer und realer Weise zu manifestieren – in Form eines Hauses.
Ein noch nie da gewesenes Objekt soll es werden und mit gutem Beispiel vorangehen. Das Wiener Headquarter von Horx’ Zukunftsinstitut wird mithilfe eines Brennstoffzellen-Generators vielleicht mehr Energie produzieren als es verbrauchen kann. Das Konzept ist nicht etwa dem Hi-Tech-Spleen eines ausgeflippten Ölscheichs am Future-Trip in Dubai entsprungen: Es resultiert aus Horx‘ jahrzehntelanger Forschungsarbeit an Zukunftsthemen, zu denen Erkenntnisse aus der Soziologie ebenso zählen wie absehbare Trends aus der Baukunst und Städteplanung. In der Einswerdung technologischer Entwicklungen mit unserer Kultur erkennt Horx einen evolutionären Wandel wieder. Schon 2010 soll der optimistische Bungalow bar jeder Zukunftsangst bezugsfertig sein und mit „smarten Technologien“ (Horx) vorwegnehmen, was in kommenden Jahrzehnten vielleicht Standard für uns alle sein wird.
Herr Horx, Sie bauen ein Haus und nennen es „The Future Evolution House“. Ein langgehegter Traum?
Die Idee kam schon vor zehn Jahren, als wir angefangen haben, uns in der Trend- und Zukunftsforschung mit Themen wie Wohnen, Lebensart und Technologie zu beschäftigen. Das sind letzten Endes auch die drei Faktoren, die in der Architektur und im Hausbau eine wesentliche Rolle spielen. Wir haben viele Firmen beraten, die in diesem Bereich tätig sind, und irgendwann kam der Gedanke, ein eigenes Projekt zu realisieren, das unsere eigene Haltung zu diesem Thema demonstriert.
Wodurch wird sich Ihr Haus von andern Zukunftsmodellen abheben?
Zukunftshäuser sind meist von der Idee männlicher Technikkontrolle bestimmt. Alle Modelle dieser Art basieren meist auf der Idee einer Art „Wohn-Automatisierung“. Das „Utopische“ besteht darin, alles mit einer komplizierten Fernbedienung steuern zu können, von den Jalousien bis zum Klo. Eine alte Raumfahrt- und Rocket-Technology-Fantasie aus den 60er Jahren, die von Männern erfunden wurde. Die Frage ist aber, ob diese Techniken uns wirklich das Leben erleichtern. Ob sie dem Alltag einer chaotischen Kleinfamilie, wie sie heute üblich ist, angemessen sind. Mit anderen Worten: Ob sie tatsächlich humane Technologien darstellen, oder eher männliche Kontrollfantasien.
Auch Ihr Vorhaben ist technologisch sehr anspruchsvoll.
Wir wollen die haptischen, sinnlichen Zugänge des Menschen zu seiner Umwelt thematisieren: Wände, die nach dem Wetter ihre Farbe ändern, oder auf denen man durch Berührung das Licht dimmen kann. Technik sollte ästhetisch und instinktiv bedienbar sein, sie soll eher „hinter den Wänden verschwinden“. Wir müssen uns in der Architektur von der teilweise absurden Hinwendung zu überkomplexer Technologie verabschieden. Technik muss „smart“ sein, nicht kompliziert.
Ihr Haus wird auch repräsentativer Showroom der Zukunft sein. Ein Bau im großen Stil?
Wir sind in den Dimensionen eher bescheiden. 200 Quadratmeter Wohnfläche sind nicht übertrieben groß für eine vierköpfige Familie; für den externen Bürokubus sind 120 Quadratmeter vorgesehen. Im Grunde versuchen wir das Haus in den Auslauf des Wienerwaldes wie einen Ausguck zu integrieren, anstatt ein großes barockes Statement abzuliefern, wie es in Wien viele gibt.
Aus welchen Materialien wird Ihre Space-Villa bestehen?
Wir experimentieren mit intelligenten, wärmespeichernden Materialien wie PCM (Phase Change Materials), aber auch mit Holz und neuen Keramiken. Eine große Frage wird in Zukunft sein, ob eine Hausfassade nur schlichter Verputz ist, oder ob die Fläche nicht gleich für einen Photovoltaik-Kollektor genutzt werden kann – Dünnschicht-Folien, die zugleich das Sonnenlicht einfangen. Die Integration von Energietechnik in die Oberfläche eines Hauses ist architektonisch eine große Herausforderung.
Die Energieeffizienz soll bahnbrechend sein. Womit werden Sie heizen?
Wir arbeiten an etwas, was selbst in der Passivhaus-Architektur noch nicht existiert, nämlich an einem Haus, das rund um die Uhr Strom produzieren kann und bis zu 80 Prozent seines Energieaufwandes selbst erzeugen kann. Es könnte auf eine Brennstoffzelle hinauslaufen, die mit solarem Wasserstoff betrieben wird. Diese Technik steht an der Schwelle zur Serienreife. Aber viele unserer Träume, wie etwa ein Elektro-Auto, das gleichzeitig als Batteriepuffer für das Haus dient, können wir vielleicht erst in einigen Jahren realisieren. Deshalb heißt es ja „Evolution House“ – es soll sich immer wieder etwas weiterentwickeln.
Sind Kraftwerke im eigenen Haus die Zukunft?
Wir glauben, dass Energie in Zukunft in Netzwerken produziert wird, wobei jedes Haus Produzent oder Abnehmer sein kann. Dafür können wir einen Baustein liefern. Diese Energie- Netzwerke gibt es aber noch nicht, deshalb ist das Projekt zunächst einmal ein Solitär. Das Problem ist, dass „Smart Grids“, also Energienetzwerke, in Österreich noch nicht in Schwung kommen, weil man sich ja durch die viele Wasserkraft ein ökologisch reines Gewissen leisten kann.
Ihr Objekt ist thematisch in vier Lebensbereiche gegliedert: Love, Hub, Guests, Think. Sind das abgegrenzte Zonen oder Module, die organisch ineinander wirken?
Die Idee ist die eines Raumschiffes mit Schleusen zwischen den Bereichen. Damit lässt sich die soziale Situation jederzeit ändern. Man möchte manchmal gerne alleine sein, dann wieder mit seiner Familie oder mit Freunden, und dann kann man diem Schleusen öffnen. „Guests“ ist übrigens der Bereich für die Kinder. Das ist nicht unbedingt etwas Neues. Die „Separation für Individualisten“ wurde bereits von den Bauhaus-Architekten entwickelt. Wir haben heute aber andere Anforderungen, weil die Familien viel individualistischer und mobiler geworden sind. Das muss sich auch in der Architektur widerspiegeln.
Werden Grundrisse von Wohnungen künftig völlig anders aussehen?
Die Architekturen des Industriezeitalters wurden stark von Geschlechterrollen bestimmt. Die Küche als Arbeitsplatz der Frau; ein Schlafzimmer für die Eltern. Bei uns gibt es ein Areal, das nur dem Paar zur Verfügung steht, das nicht nur Schlafzimmer, sondern auch Lebensraum sein wird. Die Kinder werden ihren eigenen kleinen Apartment- Trakt haben, und in einem Gemeinschaftsraum, dem „Hub“ oder der „Lounge“, wird man sich versammeln, aber sicher nicht das tun, was Familien in den letzten Jahrzehnten abends normalerweise getan haben, nämlich gemeinsam fernsehen. Das tut nämlich kein Mensch mehr.
Dafür wird es in Ihrem Arbeitsbereich ein richtiges Kino geben.
Ja, einen Vorführraum mit Beamer. Der ist sogar preiswerter als ein großes, schweres Trumm und auch ökologischer, weil er aus weniger Material besteht.
Der so genannte „Hub“ soll eine Art Verkehrsknotenpunkt im Haus bilden. Was darf man sich darunter vorstellen?
Die ursprüngliche Idee war, tatsächlich eine Art Flughafen- Einscheckautomaten im Haus zu haben, weil wir alle sehr viel reisen. Damit man im Wohnzimmer ein Ticket ausdrucken lassen kann. Das hat sich nun erübrigt, weil wir gar kein Papierticket mehr brauchen. Insofern wird am Eingang eben ein Laptop mit Drucker stehen.
Direkt unter dem Terminal ist die Garage. Platz für einen Fuhrpark?
In absehbarer Zeit werden dort keine Autos mehr mit Verbrennermotoren stehen, sondern Elektroautos oder Hybrids, die zugleich die Batteriepuffer des Hauses unterstützen. Bislang hatte die Autowelt mit der Wohnwelt relativ wenig zu tun. Da wir aber in den nächsten 20 Jahren eine Elektrifizierung des städtischen Individualverkehrs erleben werden, ist es natürlich sinnvoll, Mobilität und Hausarchitektur zu verbinden.
Die Zone „Think“ steht für Ihr neues Zukunftsbüro. Was wird an diesem anders sein?
Ich brauche ein multimediales Environment. Ein gutes, aber preiswertes Videokonferenz-System, um mit meinen Büros in Frankfurt und London kommunizieren zu können, ohne dauernd in den Flieger steigen zu müssen und CO2 zu produzieren. Büros für Portfolioarbeiter der kreativen Klasse, zu der ich uns zähle, die ihre Gedanken und Innovationskraft auf dem freien Markt verkaufen, werden natürlich einen ganz anderen Charakter annehmen als Verwaltungsbüros. Da geht‘s nicht mehr um Aktenablagen, auch nicht um ergonomische Sitzhaltung, sondern vielmehr darum, wie man Bewegung in den Alltag bringt. Direkt neben dem Stehpult steht mein Rudergerät. Ich will nicht den ganzen Tag sitzen. Ich will zwischendurch auch mal rausgehen und gärtnern.
Welche Bilder werden an den Wänden hängen?
Bilder an Wände zu bringen ist natürlich eine sehr konservative Methode. Schon eher werden die Wände aus Licht bestehen. Diese könnte den Energiestatus des Hauses wiedergeben: Produziert das Haus gerade oder verbraucht es Energie, je danach sind die Wände hell oder dunkel bzw. rot oder blau. Auch die Fußböden könnten leuchten, wie bei „2001 – Odyssee im Weltall“.
Wie werden Sie in ihrem neuen Haus leben?
Das Problem ist, den ganzen Krempel, der sich im Lauf der Zeit ansammelt, zu vermeiden. Die meisten Haushalte sind mit Staubund Aufmerksamkeitsfängern zugestellt. Das ist heute niemandem mehr zumutbar. Ich will ein Haus gestalten, indem wir mit relativ wenig pflegerischem Aufwand kreativ sein können. In der wir Luft zum Entspannen, Freunde treffen und Nachdenken haben. Wir brauchen eine Art „gemütlichen Minimalismus“. Mal sehen, ob das geht.
Zur Person:
Matthias Horx, 53, gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Der ehemalige Comiczeichner und Science-Fiction-Autor war Redakteur bei Tempo und Die Zeit. Seine Bücher wie „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ und „Wie wir leben werden“ wurden zu Bestsellern. Sein neues Werk trägt den Titel „Technolution – Die Evolution der Technologie“.

© JIMMY DEIX – Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 18 zum Thema „Upgrade“, Jänner 2009
