Wo drückt der Schuh?

by Jimmy Deix

WOLFGANG KÄFERBÖCK wird fürs klare Denken bezahlt. Der Geschäftsprozessberater bei S&T fertigt maßgeschneiderte IT-Lösungen für multinationale Industriekonzerne in Zentral- und Osteuropa. Mit JIMMY DEIX plauderte er aus dem Nähkästchen.


Wolfgang KäferböckSie sind hochdotierter Top-Manager im IT-Bereich. Wenn Sie morgens zur Arbeit gehen und Ihre kleine Tochter fragt: „Papi, was machst du dort?“ Wie würden Sie antworten?
Ich sorge dafür, dass die richtigen Leute miteinander sprechen. Ich bringe Menschen, die Sorgen haben, mit Leuten zusammen, die gute Ideen haben, um ihre Probleme zu lösen.

Apropos Probleme: Wie reagiert die Industrie auf die Krise und welche Anforderungen werden damit an Sie als IT-Berater gestellt?
Aufgrund der Flaute sind Projekte gefragt, die einen kurzen Return on Investment bieten. Wir haben hierfür eine Reihe von Serviceinitiativen unter dem Stichwort „Rezessionsagenda“ herausgegeben. Unternehmenstransparenz ist in diesen Zeiten besonders wichtig, um zu erkennen: Wo entstehen Kosten? Wo erfüllen wir unsere Kennzahlen nicht? Wo verliere ich meine Performance? Dieser Datensalat muss aufgearbeitet werden. Unsauberkeiten, die sich in einer Boomphase eingeschlichen haben, werden ausgeräumt.

An die Zeit nach der Krise denkt niemand?
Man hört es ja täglich in den Medien: Die Industrie hält zur Zeit viel Geld zurück, schickt Personal auf Kurzarbeit und legt Produktionslinien still. Ich bin jedoch überzeugt, dass es nicht so bleibt. In den Fortbestand eines Unternehmens über Jahre hinweg nicht zu investieren führt garantiert dazu, dass die Wettbewerbsfähigkeit abnimmt. Ich sehe eine Vielzahl an neuen Technologien und immer ausgereiftere Applikationen, die zur Verfügung stehen.

Logistikfirmen spüren die Krise besonders stark. Über 70 Prozent sind vom Konkurs bedroht. Was ist da los?
Es ist in jeder Branche wichtig, Mehrwertdienstleistungen anzubieten. Es gibt intelligente Lösungen wie Distributionscenter, die der Industrie den Rücken freihalten, damit sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren kann. Logistikfirmen, denen es gelingt, die Bedürfnisse mehrer Industrieunternehmen in einer Weise zu bündeln, die über das hinausgeht, was vor fünf Jahren noch verwendbar war, dort sehe ich auch in Zukunft Möglichkeiten, sich vom Wettbewerb zu differenzieren.

Hat Supply Chain Management die Logistikbranche verdrängt?
Diese Begriffe werden sehr unscharf verwendet. Oft heißen diese Abteilungen in jedem Unternehmen anders, mit unterschiedlichem Verantwortungsspielraum. Doch egal wie man es nennt: Wichtig ist immer, durchgehend von A bis Z zu verstehen, wie das Unternehmen funktioniert. Das reicht über den Ein- und Verkauf weit hinaus, denn man muss auch seine Lieferanten und Kunden verstehen. Diesen gesamten Bereich fasse ich unter Supply Chain Management zusammen, und es gibt unterschiedliche Bausteine und effektive Tools dazu, die man gut beherrschen muss.

Ähnlich unscharf ist auch der Übergang vom Industriezeitalter zur Informationsgesellschaft. Fabriken gibt es ja nach wie vor.
Es reicht nicht mehr, ein wunderbares Produkt zu fertigen. Ich komme aus der Papierbranche und weiß: Schönes, weißes Papier im richtigen Format auf Lager zu haben und zu hoffen, dass es wer bestellt, führt dazu, dass sich irgendwann 100.000 Tonnen stapeln, wenn keine ausgefeilten Prozesse dahinterstehen. Die Tonnen im Lager entsprechen aber 100 Mio. Euro gebundenem Kapital. Es nicht in der Tasche zu haben kostet, wegen der Zinsen. Wenn es aber gelingt, seine Erfordernisse durch intelligente Systeme genau zu erkennen, dann sind vielleicht nur 10 Mio. Euro gebunden. Das steht für mich hinter dem Begriff Informationszeitalter – die Information dann verfügbar zu haben, wenn man sie braucht, um richtige Entscheidungen zu treffen.

Wie sehr hat IT die Industrie verändert? Automation hat es dort immer schon gegeben. Kann man von einer Multiplikation der Potenziale sprechen?
Bei einem Unternehmen mit 100.000 Kunden und 100.000 Artikeln kann man nicht einen Kollegen mit einem Zettel ins Lager schicken, damit er nachsieht, ob der Artikel da ist. Heute funktioniert die Verfügbarkeitsprüfung des Artikels automatisch mit der Bestellung. Auch die Wiederbeschaffungszeiten des Lieferanten sind bereits definiert. Für all das braucht man Software-Applikationen, die von uns entsprechend eingestellt werden – wir nennen es „customized“. All das ist sehr firmenspezifisch. Denn keine Software dieser Welt ist von Haus aus darauf ausgerichtet, dem Kunden XY für die Artikel 47/11 die entsprechenden Prozesse abdecken zu können.

Sie müssen bei neuen Kunden davon ausgehen, dass IT-Systeme bereits vorhanden sind. Wie sensibel ist Ihre Analyse von Software in bestehenden Systemen?
Eine Bestandsaufnahme ist das Allerwichtigste. Für eine Firma, die sich exzellentem Service verschrieben hat, sind andere Prozesse notwendig als bei einem reinen Massenfertiger. Unternehmensstrategie, Prozesse, Systeme – das sind drei wesentliche Ebenen, die der Reihe nach zu betrachten sind. Es ist meist ein An- oder Ausbau gefragt, nicht aber ein Neubau. Oft ist ein Auftragsabwicklungssystem schon da, und es geht z.B. darum, entsprechende Endgeräte für mobile Servicetechniker zur Verfügung zu stellen. In anderen Fällen wird ein Customer Relationship Management System dazugebaut, damit unser Klient genau weiß, welche Kundeninteraktionen es schon gegeben hat.

Strukturen zu schaffen ist die Hauptaufgabe. Worin aber liegt die Stärke der IT-Systeme für die Industrie?
Eine Software-Applikation hilft maßgeblich Abläufe rund durchlaufen zu lassen. Die Applikation stellt nicht nur sicher, dass ein Kunde einen Artikel bestellen kann. Dahinter wird sogleich ein Ablauf definiert, der wichtig ist für die Mitarbeiter im Lager, die wissen müssen, welche Papiere für die Finanzbuchhaltung gefertigt werden sollen, damit denen wiederum klar ist, auf welchen Konten verbucht wird. Der Einkauf erfährt, was nachbestellt werden muss, und die Marketingabteilung kann ersehen, welche Produkte besonders gut gehen und welche nicht.

Gibt es überhaupt noch Freiräume für Entscheidungen, die aus dem Bauch getroffen werden, oder ist in der Industrie alles Techno?
Letztendlich sind auch wir damit konfrontiert, dass es um Kundenverhalten geht, das nur bedingt vorhersehbar ist, oder Marktentwicklungen, die nur bedingt eingeschätzt werden können. Produktakzeptanz, die man mit hoher Wahrscheinlichkeit prognostizieren kann, aber wo der menschliche Faktor ein Bestandteil bleiben wird. Daher bleibt die Intuition und das Hineinfühlen und Interpretieren von Fakten ein wichtiger Bestandteil der Entscheidungsprozesse. Der menschliche Faktor bleibt Gott sei Dank erhalten.

Worin sehen Sie die Zukunft Ihrer Branche?
In der Spezialisierung auf konkrete Kundenbedürfnisse und Branchen. Am Ball zu bleiben ist nur mit Spezialisten aus bestimmten Industriezweigen möglich. Ich halte wenig davon, für alle Industrien der perfekte Dienstleistungsanbieter sein zu wollen, der sich überall wunderbar auskennt. Man sollte die Sprache des Kunden sprechen, um ihn fragen zu können: Wo drückt der Schuh?

Die österreichische Regierung hat von Windows auf das Betriebssystem Linux umgestellt. Halten Sie diese Entscheidung für klug?
Die ganze Thematik würde ich breiter sehen. Es geht nicht nur um Linux, sondern generell um den Einsatz lizenzfreier Open-Source-Software, um Kosten zu optimieren. Das ist ein Trend, den wir unterstützen. Wir setzen verfügbare Bausteine aus der großen Open-Source-Gemeinde zum Wohle unserer Kunden ein, weil diese nicht neu entwickelt werden müssen und keine Mehrkosten erzeugen, die unnötig sind. Gerade in Zeiten der Rezession drängt sich dieses Thema umso mehr auf.

 

Zur Person:
Dipl.-Ing. Wolfgang Käferböck, 46
Industrie- und IT-Experte
Seit 2009 Head of Manufacturing bei S&T.
Unternehmen:
Die österreichische S&T Gruppe ist ein IT-Dienstleister für die Industrie mit 70 Niederlassungen in 21 Ländern.
Jahresumsatz: 500 Mio. Euro.
Das führende IT-Forschungszentrum Gartner Group bewertete S&T als die Nr. 1 in Osteuropa, noch vor großen Player wie Deloitte, IBM, Ernst & Young und Capgemini.
www.snt-world.com

 

Silver-21

© JIMMY DEIX – Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 21 zum Thema „Industrie“,
Oktober 2009