„Banken sollten ihr Testament in der Schublade haben“
by Jimmy Deix
Ende der Fahnenstange. Professor FERRY STOCKER findet klipp und klare Worte für die Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Ursachen und Folgen.
Interview JIMMY DEIX Foto KATSEY
Wieso muss der europäische Steuerzahler Banken retten, die ihr Geld am amerikanischen Immobilienmarkt versiebt haben?
Dort wurde nicht nur mit Geld gezockt sondern auch mit europäischen Staatsanleihen. Es gibt starke Parallelitäten zwischen der Immobilienkrise in den USA und der Staatsschuldenkrise in Österreich. In beiden Fällen handelt es sich um Veranlagungen der Banken in sicher scheinende Papiere. Doch bei näherem Hinsehen, stellten sich diese als Ramschpapier heraus.
Wie konnte es zu diesen Fehlbewertungen kommen?
Weil die Zentralbanken den Banken die Gelder gegeben haben, die Regulierungen es erlaubt und die Aufsichten zugeschaut haben. Wir haben den Banken ein Geschäftsmodel finanziert und ermöglicht, bei dem man fragen muss, ob es auch nur im Entferntesten rechtfertigbar ist.
Was ist der ökonomische Sinn, Amerikaner zum Hauserwerb zu animieren und ihnen Kredite nachzuwerfen, die sie gar nicht bedienen können?
Die Finanzierung von brustschwachen Hausbauern ist ein Substitut für das, was wir in Europa Sozialpolitik nennen. Es war politisch gewünscht und der Druck war sehr groß, dass möglichst jeder einen Kredit bekommt, um sich ein Haus kaufen zu können.
Die Banken machen wieder Gewinne. Wieso auf einmal?
Es läuft derzeit ein gigantisches Bankensanierungsprogramm, von dem die meisten Menschen gar nichts mitkriegen. Die Zentralbanken drücken die Zinsen. Daher bekommen sie so gut wie nichts auf ihr Sparbuch. Für einen Kredit zahlen sie aber trotzdem vier bis sechs Prozent. Die Zinsspanne zwischen Aktiv- und Passivseite ist so hoch wie überhaupt noch nie. Damit sanieren wir die Banken. Jeder Kleinsparbarer leistet seinen Beitrag, auch abseits des Steuerbudgets.
Wir retten die Banken. Lehman Brothers wurden hingegen fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. War das gut?
Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich tendiere zu sagen, es war ein heilsamer Schock. Das könnte man umdeuten, und sagen, es sei kontraproduktiv gewesen. Man muss aber unterscheiden, dass Lehman Brothers eine reine Investmentbank war und keine Geschäftsbank. Lehman Brothers hatte 600 Tochtergesellschaften. Der Versuch der Abwicklung kostet bis jetzt 1 Mrd. US Dollar.
Wie ließe sich in Zukunft so ein Kollaps verhindern?
Banken, die theoretisch Pleite gehen könnten, sollten ihr Testament in der Schublade haben. So könnte man eine Großbank, die in Schwierigkeiten geraten ist, übers Wochenende abwickeln, ohne dass es Ansteckungseffekte gibt. Der gesunde Bereich – das normale Kreditgeschäft, der Zahlungsverkehr und die Spareinlagen laufen weiter. Diese Abwicklungsmechanismen sollten Regulatoren den Banken vorschreiben. In den USA und in Großbritannien versucht man sie bereits zu implementieren. Am Kontinent wurden dahingehend noch keine großen Schritte gesetzt. Vielleicht nächstes Jahr.
Sie schreiben in ihrem Buch „Zahltag“ darüber, dass Banken mitunter Widerstand gegen eine rasche und solide Krisenbereinigung leisten.
Ja, denn das würde bedeuten, dass ihre Misswirtschaft in der Vergangenheit jetzt zum Vorschein tritt. Sie müssten die noch verdeckten Verluste in ihren Büchern aufdecken. Die Banken leben in der Gewissheit aufgefangen zu werden, wenn irgendetwas passiert. Das ist das Grundproblem. Und dann werden sie tendenziell zu risikofreudig.
Die Zentralbanken verhandeln Basel III. War nicht schon Basel II ein Schuss in den Ofen?
Gerade durch Basel II kam sehr viel Unsinn in die Bankbilanzen. Mit einer Verschleierungstaktik der Eigenmittel wurde mehr Unklarheit als Klarheit geschaffen. Banken haben begonnen Kredite zu verkaufen und dafür vermeintliche Triple-A-Wertpapiere in die Bilanz eingestellt, die aber nur Schrott waren. Basel II ist somit ein Mitverursacher der Krise. Es ist daher völlig erstaunlich, von Basel III die Lösung der Probleme zu erwarten.
Ist der Euro noch zu retten?
Eine gute Frage. Die Antwort ist eher ja, angesichts des überbordenden Chaos das entstehen würde, wenn er unterginge. Wenn wir ihn irgendwie aufgeben, was wären die damit verbundenen Kosten? Ein Riesenfragezeichen. Aber wir sollten Insolvenz und Illiquidität auseinander halten. Denn wenn wir ein Insolvenzproblem mit Geldspritzen lösen wollen, dann schmeißen wir gutes Geld schlechtem nach.
Sie sprechen Griechenland an. Ist theoretisch auch in Österreich der Staatsbankrott möglich? Bankenskandale hätten wir ja genug.
Der Unterschied zwischen Österreich und Griechenland ist gewaltig, wenn auch nur graduell und nicht prinzipiell. Wir sprechen immer von Staatsschulden aber nie vom Staatsvermögen. Österreich bräuchte, provokativ gesagt, bloß eine Inventarliste erstellen – von Schloss Schönbrunn bis zu den Bundesforsten. Wenn man das anständig bewertet, wäre unsere Verschuldensquote relativ gering.
Die EU pumpt 110 Mrd. Euro in Griechenland. Geht sich das aus?
Dann müsste Griechenland in drei Jahren wieder so weit sein, zu vertretbaren Konditionen selbst wieder Kredite am Kapitalmarkt aufnehmen zu können. Doch es geht nicht darum, dass Griechenland seine Staatschulden zurückzahlt sondern nur bedient. Vielleicht schaffen sie es. Ich glaube es nicht.
Wenn sie das jetzt schon wissen, dann müssten wir ja sofort unseren Finanzminister zurückpfeifen.
Das haben ja die Slowaken eh getan. Ein kleines europäisches Land. Die haben da nicht mitgemacht. Können Sie sich den kleinen französischen Nachfolge-Napoleon vorstellen, wie hoch der gehüpft ist?
Ist es begrüßenswert, wenn die G-20 Staaten eine globale Finanzmarktaufsicht fordern?
Ich glaube nicht, dass man durch Aufsicht und Regulierung die bösen Buben im Zaum halten kann. Wo sind denn die tollen Prüfberichte, die die Missstände der Hypo-Alpe-Adria aufgedeckt haben? In irgendwelchen Schubladen der FMA und im Finanzministerium? Wie kann man angesichts dieser Umstände glauben, Regulierung und Aufsicht wären die Lösung? Quis custodit custodes – wer bewacht die Wächter?
Kommt in Europa die Hyperinflation?
Einen Teil des Problems mit Inflationierung zu beheben, das wären an sich die geringsten Kosten. Wenn wir über fünf Jahre in Summe 30 Prozent Inflation haben, dann gehen wir alle nicht unter und die Dinge kämen wieder ins Lot. Das Problem dabei: Once the genius is out of the bottle you won’t get it back in.
Ist es zutreffend, wenn man der Krise positive Aspekte abgewinnen will, sie als Bereinigung der Märkte zu betrachten?
Ich ziehe als Gegenvergleich immer eine Naturkatastrophe oder einen Bombentreffer heran, wo hunderte Häuser zerstört werden. Das ist ja bei einer Finanzkrise nicht der Fall. Unsere Produktivität und Vermögenswerte sind noch immer da. Es sind lediglich die Ansprüche eingebrochen, die in Form von monetären Werten daran gestellt wurden, und die gilt es zu bereinigen.
Der Euro wird attackiert. Wie kann es sein, dass eine Handvoll Hedge-Funds-Manager in New York bei einem gemeinsamen Abendessen Wetten auf den Niedergang des Euro abschließen?
Steht es um ein Land schlecht, wird dagegen spekuliert. Aber da muss es erst einmal schlecht da stehen, wenngleich es Verstärkungseffekte gibt, und ich die Finanzmärkte nicht in Schutz nehmen will. Es sollte für diese Wetten, wenn das rationale Akteure sind, hinreichende Begründungen geben, die sich in Misswirtschaften öffentlicher Haushalte wiederfinden.
Zur Person:
Prof. Mag. Dr. Ferry Stocker ist Fachbereichsleiter für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Wiener Neustadt und Autor zahlreicher Fachbücher. In seinem brandaktuellen Buch „Zahltag“ erklärt er, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise durch Missachtung einfachster, ökonomischer Grundprinzipien entstanden ist.
Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 26 zum Thema „Geld“,
Jänner 2011

