Pokern ist sexy!

by Jimmy Deix

Als Berufsspieler ist GÖTZ SCHRAGE in dubiose Halbwelten abgetaucht. Legionen von Gegenspieler hat er abgezockt – eiskalt. Irgendwann ist er wieder aufgetaucht und wurde solide. Heute sieht er Poker als harmloses Spiel. Der blufft doch nur, oder?

von JIMMY DEIX

An einem Tag im Mai landen am Flughafen Wien vermehrt Maschinen aus Griechenland – aus Athen, Thessaloniki … Was wollen die alle hier? „Pokern ist in Griechenland verboten“, erklärt Insider Götz Schrage. „Die kommen, um in Wien ihre Staatsmeisterschaft auszutragen …“
Poker – ein Spiel ohne Grenzen. No limits! Im Concord Card Casino in Simmering, einem der besten Kartenspielhäuser Europas, frequentieren hunderte Griechen die grünen Tische. Die Greek Poker Tour hat sich zu einem populären Turnier entwickelt. Eine dieser typischen Grauzonen in der EU eben. Die Griechen lieben das Glückspiel. Schon in deren Mythologie würfelt Herkules mit einem Tempelwächter um eine hübsche Kurtisane. Und wenn Götz Schrage Lust verspürt, zockt er gern ein paar Runden mit. Aber keine hohen Einsätze. Vielleicht drei- bis vierhundert Euro. Schrage ist heute kein High roller mehr: „Die Zeiten, als ich frühmorgens mit 13.000 Euro Miese mit einem Taxi in die Junisonne fuhr, die sind für immer vorbei“.
Branchen-Profi ist er geblieben. Schrage ist heute Inhaber des Web-Portals pokerfirma.de. Auf hochgepokert.com und im Pokerblatt veröffentlicht er unterhaltsame Kolumnen rund ums Spiel. „Schräge Gedanken“ – so der vortreffliche Name einer seiner Rubriken – liegen ihm näher als Poker-Chinesisch. „Meine Texte richten sich eher an die Ehefrauen der Pokerspieler“, witzelt Schrage. Mit der Verzückung eines pfiffigen Romanciers, transformiert er seine Erfahrungen aus dem Milieu in die Sphären der Unterhaltungsliteratur. In einem Web-Forum, betitelt mit „Götz Schrage – Was will er uns immer sagen?“ hinterfragen Leser den Sinn seiner polemischen Fabulierungen. „Die Antwort weiß ich oft auch nicht,“ gesteht Schrage. „Ich denke und lebe tatsächlich so verschraubt und verwirrt wie ich schreibe.“

Den Pot der Greek Poker Tour in Höhe von 27.180 Euro sackt schließlich der Grieche Chris Kapralos ein. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass griechischen Staatsbürgern die Teilnahme an Glücksspielen eigentlich verboten ist. Vermehrt hat die EU die griechische Regierung verwarnt, seine Hindernisse für Glücksspiel endlich zu beseitigen. Die Gegenargumente lauten Spielsuchtprävention und Beschaffungskriminalität. Als ob das bei der Haushaltslage nicht schon egal wäre.

„Der typische Poker-Spieler von heute ist Nichtraucher, trinkt Mineralwasser und muss nachher noch ins Fitnesscenter,“ räumt Schrage mit alten Poker-Mythen auf. Das sind die Nachwirkungen des Booms. Poker ist studentischer und unschuldig geworden. Schrage ist sich sicher: „Eines Tages werden noch die Gaswerke und Swarovski Turniere abhalten“.
Als Schrage zu spielen begann, war von einem Poker-Boom noch keine Rede. Das war die Zeit, als man das Kartenspielen noch aus den Wirtshäusern verbannen wollte. Seine Zocker-Karriere begann bereits im Kindesalter: „Ich stamme aus komplizierten Verhältnissen und bin im Gemeindebau aufgewachsen,“ erzählt er offen. Mit Gleichaltrigen spielte er um kleine Beträge und Wertgegenstände wie Briefmarkensammlungen. Stiege für Stiege: „Ich hatte sozusagen schon im Gemeindebau ein kleines Casino laufen,“ grinst er. Das Ganze eskalierte schließlich, als es um ein echtes Schwert ging, das bei jemandem im Wohnzimmer an der Wand hing … Schrages Vater bekam Besuch vom Vater des ausgenommenen Freundes und die Umtriebe des kleinen Götz – „Ich war damals 11 oder 12“ – flogen auf. Es war ein historischer Offiziers-Degen aus dem I. Weltkrieg.
Später landete Schrage in der Medienbranche. Am Tag als John Lennon erschossen wurde, bewarb er sich als Redakteur beim Rennbahn-Express und erhielt von Herausgeber Wolfgang Fellner prompt den Auftrag, einen Nachruf auf den Beatle zu schreiben – er scheiterte kläglich. „Ich fand Lennon ecklig. Wie kann man sich barfuß von Annie Leibovitz fotografieren lassen, während man sich in Embryo-Stellung an diese japanische Mittelscheitel-Frau ansaugt?“ Stattdessen wurde Schrage Leibwächter von Bud Spencer, als dieser kurz in Wien weilte, weil er so groß ist (1,93 m). Beim Magazin Wiener schrieb er erste Artikel. Die waren gut. Weil er als Langsamschreiber aber nie fertig wurde, schenkte ihm Mentor Gert Winkler eine Kamera. Bald darauf wurde Schrage einer der bestbezahlten Portrait- und Werbefotografen überhaupt, mit einer Tagesgage von 25.000 Schilling. „Ich habe es gehasst,“ erinnert er sich. Damals konnte man in der Werbung noch richtig verdienen. Es war gutes Geld, aber wohin damit?

Als Berufsspieler nahm Schrage das Spiel sehr ernst. Er ging täglich um 21 Uhr zu Bett und stand gegen 4 Uhr morgens wieder auf. Frisch geduscht und schön gekleidet, fuhr er ins Casino, um die kaputten Gestalten der Nacht einzusammeln. Schrage spielte damals Five Card Draw – fünf Karten in der Hand, einmal tauschen. Ganz klassisch. Das lief jahrelang sehr gut. Die Spielweisen haben sich geändert. Heute ist Texas Hold’em populär. Eine Variante, die schön anzusehen und telegener ist und Poker ins Fernsehen brachte. Das sind Nebenerscheinungen des Poker-Booms, ausgelöst durch den legendären Sieg des Amateurs Chris Moneymaker bei der „World Series of Poker 2003“. Mit einem Einsatz von nur 39 Dollar gewann Moneymaker das Preisgeld von 2,5 Mio. Dollar und löste damit die Poker-Welle aus, vor allem in Europa und im Internet. Das hat sich heute auf sehr hohem Niveau stabilisiert. „Poker ist ein kommunikativer, netter Sport und ein spannendes Spiel,“ schwärmt Schrage. „Es erfordert Fähigkeiten, Verstand und Psychologie.“ Das hat nicht nur mit den Marketing-Strategien der Anbieter zu tun: „Poker ist einfach sexy!“

Spielsucht? Existenzgefährdung? Beschaffungskriminalität? Schrage weiß die Antwort: „Das betrifft eher die Automatenspieler. Wer zu Suchtproblemen neigt, für den ist Poker ein zu reizarmes, langweiliges Spiel. Es tut sich zu wenig, es dauert alles zu lange und man kann sich nicht so vernichten wie beim Roulette“.

Mit einem Fuß im Kriminal?
Schrage kokettiert gerne damit, das sogenannte „Pokerböse“ zu sein, wie er es nennt. In den verrauchten Hinterzimmern war er schließlich zu Hause, am Rande der Legalität. Wer ihn kennt weiß aber, dass Schrage eine ausgesprochen integere Person ist. „Die Leute haben heute keine Instinkte mehr,“ beobachtet er mit gewissem Amüsement. Das sei aber gut, in Hinblick auf Männer, mit denen man sich besser nicht anlegt. „Wenn früher ein gefährlicher Mann durchs Casino ging, haben sich von neun Leuten acht weggeduckt. Heute kann theoretisch der Staatsfeind Nr. 1 durchs Casino gehen und die Leute kennen nicht einmal seinen Namen und sind auch von seiner Aura nicht beeindruckt.“

Früher, viel mehr als heute, hat das Spiel Gestalten angezogen, die eher an Quentin-Tarantino-Filme erinnern. Casino-Gäste, zugeknallt mit Drogen, die immer unberechenbarer wurden, obwohl sie schon vorher brandgefährlich waren; die Aschenbecher untersuchten, weil sie dachten, darin sei ein Mikrofon versteckt. Schrage: „Ich hatte Feinde. Leute, die auf Koks waren und dachten, ich hätte ihr Geld. Aber ich hatte es nicht.“ In diesem Milieu hat sich ihm ein Biotop an Freundschaften erschlossen, zu denen Schrage nach wie vor steht, die ihn jedoch in Angelegenheiten involvierten, die einem Angst machen: „Man kommt schneller mit dem Gesetz in Konflikt, als man glaubt – und zwar ernsthaft“.

Schrage kratzte im letzten Moment die Kurve und spielt heute nur mehr zum gesellschaftlichen Vergnügen. Am Abend trifft er sich in einer halbprivaten Spielrunde. Mit von der illustren Partie: Chinesen, Russen, eine geheimnisvolle Thai-Lady, ein Albaner und ein Serbe. Allesamt Profispieler, die ihre Hauptberufe längst aufgegeben haben und daher immer schlechter Deutsch sprechen. Die Grammatik-Treffer-Quote liegt bei Null. Doch die Poker-Sprache ist international.

Der Albaner sagt zur Thai-Lady: „Jackpot – bumm, bumm!“
Sie antwortet: „Nix, bumm bumm. Loch schon lange zu. Du brauchen Bohrmaschine.“
Da ruft der Albaner: „Ich haben Bohrmaschine!!!“

Schrage schüttelt lachend den Kopf, wirft eine Karte aus: „Das sind die Geschichten, für die ich Poker liebe. Das bietet dir kein Kino“. An so einem Abend soll es ihm Wert sein 100 Euro zu verspielen. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man eben.

Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 28 zum Thema „Sport & Spiel“,
Juli 2011