What’s App?
by Jimmy Deix
JIMMY DEIX über die Gestaltung von Information durch den Mittler und daraus entstehende Wirkungseffekte auf den Empfänger.
Ein Freund, der sich nicht dreimal in der Woche meldet, ist kein Freund. Jedenfalls kein richtiger. Da gibt dein Smartphone auch schon Signale von sich. Mit der Wissbegierde eines Info-Junkies nimmst du den Call an. Dir schmettert der Mitteilungsbedarf des Anrufers entgegen, und du erfährst die heißesten Facts brühwarm: Wer mit wem, wann, warum und wieso. Wenn du Alex erreichen willst, musst du jetzt Karin anrufen, weil die Sandra ja nicht mehr mit ihm zusammen ist (die ist mit ihrem neuen Freund auf Urlaub). Du wirst mit Angelegenheiten vertraut, die du gar nicht wissen sollst bzw. auf keinen Fall weitererzählen darfst. Versprochen! Großes Ehrenwort!
Neue digitale Features unterstützen diese Kommunikation und werden von Jugendlichen in aller Welt mit Begeisterung okkupiert. Spielerische Interaktion mit lustigen Schnappschüssen von der besten Party aller Zeiten. Tagging, Emoticons und Tippfehler. Instant Messaging – sinnfrei, hip und trendy.
Die Nachrichten der Massenmedien sind im Prinzip ähnlich aufgebaut wie Klatsch und Tratsch. Auch sie sind flüchtig, schnelllebig und in kurze Sprache gepackt. Und da reine Fakten selten für sich selber sprechen, entsteht der Sinn von Nachrichten oft erst durch erzählerische Dramaturgie, zumeist in Bild und Ton. So werden Fakten für den Medienkonsumenten erst verständlich und zuordenbar. Am Ende von Nachrichtensendungen ist sogar vom Wetter die Rede, wie in beiläufigen Unterhaltungen der Menschen im Alltag auch. Der lustige Anchorman mit seinen launigen Bemerkungen über Kälte bzw. Hitze ist wirklich zum Schießen komisch.
Am neuesten Stand
Information schafft Wissen und kann beim Empfänger ein bestimmtes Verhalten bewirken. Trotz ihres monolithischen Charakters haben Massenmedien jedoch nur bedingt Einfluss darauf, wie der Rezipient Medieninhalte interpretiert. Zum einen richten sich Medien nicht an Einzelpersonen, sondern an Zielgruppen, zum anderen ist der Signalfluss permanent in Bewegung. Die Frage ist, wie Bedeutsames entstehen kann. Der Adressat selektiert selbst zwischen Sinn, Relevanz, Wichtigkeit, Sachbezug und Qualität der Nachricht. Und der Überbringer? Il messaggero non e importante – der Überbringer der Nachricht ist nicht wichtig.
In der Neuigkeit liegt der Unterschied zu dem, was vorher war. Ab dem Moment, in dem die Mitteilung empfangen wurde, stellt sie keine Neuigkeit mehr dar. Die Information verliert, sobald sie informiert hat, ihre Qualität als Information. Tritt dieser Fall ein, ruf am besten eine Plaudertasche aus deinem Freundeskreis an, und frage sie, was es Neues gibt.
Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 30 zum Thema „Upgrade“,
Jänner 2012
