Kollektives Gedächtnis
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Der Computer-Neandertaler zahlt ein Lager und flucht jeden Monat; der besser Situierte wohnt im Hotel und Thomas zerschneidet seine alten Polarioids, um Ordnung zu schaffen. Fragt sich, wer am Schluss den besten Lacher hat – von den Leuten bei Selfstorage mal abgesehen.
JIMMY DEIX über den Fluch des Aufhebens.
Die Welt ist 1984 zwar nicht untergegangen, dafür eroberte der Commodore 64 gerade den Markt und leitete die digitale Revolution ein. Der biblische Reiseveranstalter Noah hingegen organisierte Billigreisen mit seiner Arche und ermöglichte, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Sogar lästige Fliegen – die Vorboten der Hölle – nahm er mit an Bord. In Brazil plumpst eine solche dann in das Schreibgerät des „Ministeriums für Information“ und löst einen Tippfehler aus, durch den das Leben von Archibald Tuttle – der eigentlich Buttle heißt – in kafkaesken Wahnsinn ausartet. Zuviel Ordnung schafft eben erst recht wieder Chaos, vor allem, wenn falsche Hände den gläsernen Menschen betatschen. Doch während irdische Autoritäten dank Datenvernetzung zunehmend die Oberhand gewinnen (die sie eigentlich nicht haben dürften), wird die essentielle Frage – Aufheben oder wegschmeissen – von vielen Zeitgenossen nur mit unzureichender Konsequenz beantwortet.
„Ein Computer ist genial“, schwärmte Constantin, als er sich kurz nach dem vermeintlichen Weltuntergang seinen ersten Mac zulegte. Daten, die er sonst auf Tausenden Käsezetteln notiert hatte, waren nun im Computer aufbewahrt. Hätte er ein Meerschweinchen, könnte er nicht einmal alte Zeitungen fein säuberlich shredden. In Redaktionen österreichischer Qualitätszeitungen hingegen stehen unter den Schreibtischen der Journos riesige Wäschekörbe, zur Entsorgung wichtiger Infos. Dem Leser erklärt man, es handle sich dabei um Leserbriefe. Und es scheint eher unwahrscheinlich, dass einer der vier apokalyptischen Reiter vorbeischnellt, um Österreichs Altpapier einzusammeln.
Um Ordnung zu schaffen, scannt Thomas seine alten Polaroids ein, um sie danach in einer Art Ritual zu zerschneiden und zu entsorgen. Das schafft Freiräume. Sogar seine alten New-Wave-Platten hat er verschenkt, zuvor aber in mp3s verwandelt. Kein Wunder, dass es bei ihm daheim so ordentlich aussieht. Aus dem Sinn – ab ins Archiv. Verschollen auf der Festplatte. Auch ich erwische mich manchmal dabei, dass ich mir Dinge auf Video aufzeichne, die ich mir dann nicht ansehe, weil ich denke, das täte der Recorder für mich. Wozu archivieren, wenn man doch nicht weiß, ob man es jemals wiederfindet? Sieh dir mal die Schlamperei mit der Bundeslade an. Verschwunden, samt Inhalt. Lag es daran, dass es in Salomos Tempel noch keine Überwachungskameras gab? Der Säurefraß kann es nicht gewesen sein, da es sich ja um Steinplatten handelte.
Ein Fall für Sherlock Holmes, der Dr. Watson einmal erklärte, er merke sich nur, was er tatsächlich wissen muss. Alles andere könne man in einer Bibliothek nachschlagen. Von soviel rationeller Logik beeindruckt, verlasse auch ich das Haus nur mehr mit einem Deerstalker am Kopf. Wohin aber mit Tausenden Büchern und Schallplatten, wenn man endlich eine kleine Wohnung in Manhattan gefunden hat? Nimm’s mit – Im Schlepptop. Unbeschwertes Wissen – gewichtslos archiviert. Wenn es so einfach wäre! Proleten haben es leichter. Der Fernseher archiviert bekanntlich nicht, und Bücher haben sie keine. Daher müssen sie nicht mit einer Bibliothek umziehen. Vor der 84er-Apokalypse existierten in den meisten österreichischen Haushalten ohnehin nur zwei Bücher: ein Kochbuch und Der Pate von Mario Puzo. Außerdem ist auf Bierflaschen Pfand. Kein Wunder, dass sie diese zurücktragen.
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Constantins Office ist nun papierfrei und schont die Wälder. Er findet nicht einmal Papers für seinen Ofen, und mit einem ePaper kann man ihn nicht rollen. Thomas ist die Festplatte gegangen und muss auf Terabytes von Devo und Japan pfeifen. Auch die elektronische Datensicherung hat ihre Tücken. Man denke allein an die ominösen Stromausfälle der letzten Jahre. Und ich frage mich, was Al Gore eigentlich genau damit meinte, als er sagte: „I gave you the internet – and i can take it away.“
Da gehen andere auf Nummer sicher: Die Scientologen ließen sämtliche Schriftwerke L. Ron Hubbards in Titanplatten gravieren und bunkern diese an einem geheimen Ort in Kalifornien, in einem unterirdischen, atombombensicheren Stollen. Die Methode soll den Erhalt der Axiome des Religionsstifters für die Nachwelt sichern, ganz gleich, was sich hinkünftig auf der Erde ereignet – auch in atmosphärischer Hinsicht.
Wenn alle Stricke reißen, ziehe ich ins Sacher. Ich buche Blaubarts Zimmer und kapituliere wie Marcel Prawy. Sollen doch andere das Vermächtnis der Welt ins binäre System katapultieren – ich stelle meine Karl Mays bei Selfstorage unter. Denn war haben wir vom Kommunikationszeitalter, außer das wir mit jeder intergalaktischen Pizza Kontakt aufnehmen können? Ich lasse mir viel erklären, aber ich sehe nicht ein, dass eine revolutionäre Musik wie Heavy Metal im Format von schwerelosen Audiofiles einen Witz haben soll.
Was aber, wenn wir längst aber im Zeitalter des Wissens leben? Auf der Datensintflut dahinschunkeln und den Apocalypso tanzen? Puzzle legen mit zerschnipselten Polaroids?
Sammeln ist Hölle und die voranschreitende Digitalisierung nur das Fegefeuer. In Umberto Ecos Roman Der Name der Rose steht das Labyrinth mit der Bibliothek der Abtei allegorisch für die Tiefen des Universums. Die dort verübten Giftmorde sind nichs weiter als ein hinterhältiger Versuch aufzuräumen. Mittels getunkter Eselsohren, denn Digital heißt ja soviel wie „Fingerspitze“, und doch brennt am Schluss alles nieder.
Während man dem i-Pod Shuffle seiner Lieblingslieder in Pink und hellblau lauscht, erkennt man, dass man so viele Dinge schon wieder vergessen hat, die andere nie gewusst haben. Was ist nun mit „Cash from Chaos“, Jungs? Für diese Arschlöcher haben wir die Arena damals sicher nicht besetzt. Denn im eigentlichen Sinn des Wortes ist das Archiv die Regierung selbst. Das war schon in der Antike so. Und wer ein Anarchist sein will, der sollte die Arche auch kennen. Oder zumindest wissen, wohin er sie verräumt hat.

© JIMMY DEIX – Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 12 zum Thema „Archiv“,
Juli 2007