Food Design
JIMMY DEIX über synthetisch hergestelltes Essen und die exzessive Simulation unserer Nahrung.
Nicht nur Autos oder Handys haben ein Design. Auch Nahrung ist zunehmend neuen Formgebungen unterworfen. Denn Lebensmittel sollen nicht nur Hunger und Durst stillen, sondern neue Marktanteile gewinnen. Das Nahrungsangebot ist demnach zum Objekt eines Design-Wahns geworden, der nicht mehr bei der Verpackung Halt macht, sondern längst den Inhalt bestimmt: Light-Produkte, ACE-Zusätze in Säften, Bakterienkulturen in probiotischen Yoghurts, Elektrolyte in ionischen Durstlöschern, Omega-3-Fischöl im Vollkornbrot … die Wirkung dieser künstlich beigefügten Ingredienzien ist oft bescheiden, nicht selten sogar fraglich. Ihren Zweck erfüllen sie dennoch: Sie dienen der Nahrungsmittelindustrie für ihre Werbesprache, die uns Gesundheit, Vitalität und Wohlbefinden suggerieren soll.
Neuen Produktkreationen gehen heute soziologische Studien voran, die Essgewohnheiten und Konsumverhalten der Gesellschaft beobachten, und zu ergründen versuchen, was man einfach „Gesunder Appetit“ nennen könnte. Die Marktforschung unterteilt den Markt in neue Schlagworte: Convenience food (Bequemes Essen) beschert uns Reis im Kochbeutel und abgepackte Wurst in Scheiben; Chilled food (Gekühlte Fertignahrung) liefert geputztes Gemüse und fertige Obstsalate in unwiderstehlicher Aggregatsfrische. Novel food (Neuartiges Essen) verwöhnt mit exotischen Früchten, Ingwer und Wasabi, bringt uns aber auch Milchimitate, Reismehl in Zimtschnecken oder den berüchtigten Analogkäse näher. Nur der „Digitalschinken“ lässt noch auf sich warten … und das Schnitzel aus der Tube.
Vieles was wir heute essen wird von Modetrends bestimmt, wie wir es sonst nur aus der Lifestyle-Kultur kennen: Smoothies, Soja-Drink, Bio- Fast- und Ethno-food, Food for fun – „Ready to eat“. Sie machen das Häppchen zum Gusto-Gimmick, abgerundet im Geschmack durch Glutamate und Citronensäure (die gewiss nicht aus Zitronen hergestellt wird). Nichts auf dem Teller ist mehr wie es scheint. Nicht mal der Käse auf der Pizza ist noch echt. Lebensmittel werden heute im Labor entwickelt. Die Hersteller isolieren in speziellen Verfahren molekulare Grundstoffe, reichern diese mit Aromen, Mineralstoffen und Enzymen an und setzen sie nach gewünschten Eigenschaften wieder zusammen. Substanz, Konsistenz, Geschmack und Geruch von Lebensmitteln können unabhängig voneinander hergestellt und in bekömmliche Form gebracht werden. Quorn™ etwa, ist eine geschützte Handelsmarke für künstliches Fleisch aus fermentiertem Schimmelpilz. Wer will da noch länger vor Gen-Nahrung zurückschrecken? Ihr scheint der Weg längst gebahnt, nicht zuletzt durch die industrielle Rationalisierung und Simulation unserer Nahrung. Sieht aus wie Zuckerwatte – schmeckt wie Zuckerwatte. Die nächste Verbraucherempfehlung folgt bestimmt.
Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 24 zum Thema „Essen“,
Juli 2010

