Wie im schlechten Film
JIMMY DEIX über das gute alte Briefgeheimnis und E-Mails, die der Chef besser nicht lesen sollte.
François und Jean-Luc sitzen in ihrem Lieblings-Bistro, um an einem Freitag wie diesem über die ausklingende Arbeitswoche zu reüssieren. Heiße Luft, mit einem Hauch von Anis, umweht die Bar.
„Alles was Recht ist“, schimpft François, „aber das geht zu weit“.
Sein Kollege Jean-Luc kann ihm nur beipflichten:
„Der Alte muss wirklich eine Schüss ’aben“.
Die üble Rede ist von François’ Chef, der sich neuerdings die Ungeheuerlichkeit herausnimmt, in den privaten E-Mails seiner Mitarbeiter zu stöbern. Dank einer neuen Regelung darf er das nämlich. Genaugenommen darf er es eigentlich nicht, aber er tut es trotzdem, denn die Grundrechte, die unsere Privatsphäre schützen, sind bald keinen müden Cent mehr wert, sondern schwammig, wie eine rauchige Morchel aus den Wäldern von Saint-Alyre d’Arlanc.
„Dreh keinen Film“, relativiert Jacques, der hinter dem Tresen mit einem weißen Tuch die Gläser sanft poliert. „Steht ja doch nur uninteressanter Schmarren in deinen Mails“.
„Oui, aber es geht ums Prinzip“, erbost sich François. „Das ist eine Aufweichung von Paragraph 118 des Strafgesetzbuches. Schon mal was von Briefgeheimnis ge’ört?“
Um seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen, hebt François den wimmernden Tonfall noch mehr an, bis zwangsläufig das halbe Lokal von der spannenden Konversation Notiz nimmt.
„Also, mir kann das nicht passieren“, ruft Claude dazwischen, der mitgelauscht hat und nun zur Bar tritt, um einen Pernod zu ordern. „Ich verschicke aus dem Bureau keine privaten Mails – dafür chatte ich stundenlang. Und wenn mir fad ist, spiele ich eine Partie Online-Schach auf Gametwist“.
„Mon ami, du bist offenbar nicht auf dem aktuellen Stand“, entgegnet Jean-Luc belehrend. „Noch nie von ‚Keylogger‘ oder ‚Orvell Monitoring‘ ge’ört? Das sind Programme, damit kann dein Chef jeden deiner Tastendrucke nachvollziehen. Gibt es in jedem Spy-Shop um einen Papp.
Claude hält schlagartig die Klappe. Ein unfeines „Merde“ will seinen Lippen gerade noch entfleuchen. Würde sein Chef tatsächlich so fies sein und seine Chaos-Information rekonstruieren, auch wenn diese privat bestimmt ist? Etwa wenn seine Gattin ihm schreibt: „Schatz, ’ol du die Kleine vom Kindergarten, ich muss zur Kosmetikerin“. Oder wenn er antwortet: „Chérie, vergiss im Penny Markt nicht auf die Palette Schwechater“.
Das ist ja total peinlich. Vielleicht würde ihm sogar auffallen, was für ein erbärmlicher Schachspieler er ist. Claude wird immer blasser um die Nase und braucht dringend etwas, um sich daran festzuhalten: „Jacques, bitte noch einen Pernod“.
Darf Jorge Haider demnach in den geheimen Protokollen von Pierre Westenthaler schnüffeln? Oder Nicolas Sarkozy in Carla Brunis Poesie-Album?
„Wozu einen Virenschutz, wenn einem dann der eigene Chef einen Trojaner einpflanzt“, klagt François. „Das Schlimme ist, dass man nicht unsere Mails lesen möchte, sondern unsere Gedanken. Glaube mir, ich bin paranoid genug“.
„Ich ’abe nichts zu verbergen“, bekundet Romy, die sich gerade ein Achtel Beaujolais nachschenken hat lassen und sich der Diskussion anschließt. „Ich kopiere die Dialoge meiner Chats immer in einen Ordner und reiche sie dann bei der Filmförderung als Drehbuch ein“, gibt sie an. „So brillante One-liner kriegen die sonst nie. Ist doch besser als Nägel feilen“.
Jeder ist ersetzbar. Auch der Chef.
„Ich bekomme keine Mails, da ich ohnehin kein Privatleben mehr ’abe“, seufzt Jean-Luc. „Aber ich kannte mal eine Lobbyistin – sie hieß Monique – die las die Mails ihrer Vorgesetzten. So gelang es ihr, ein Mail des Personalchefs an die Buchhaltung abzufangen. In dem stand, man solle ihr auf keinen Fall die Überstunden ausbezahlen. Sie zog vor Gericht und gewann. Was für eine Frau. Der Personalchef wurde dann später Finanzminister von République d’Autriche“.
„Mit eigene page Web personnel?“ kichert Romy. „So ein ausgebuffter ’alunke“.
„Surfen im Bureau?“ brüllt Jean-Luc. „Vergiss es. Es gibt Firmen, da dürfen Mitarbeiter nicht einmal die ORF-Website besuchen. Blamabel, wie einem so der Zugang zu gehaltvollem Qualitäts-Journalismus verwehrt wird“.
„Ich bin mir mein eigener Chef, also darf ich auch meine E-Mails lesen“, beteuert Jacques, und hält ein frisch poliertes Glas gegen das Licht, um es auf Fingerabdrücke zu überprüfen.
Plötzlich stürzt Alfred zu Tür herein, der Inhaber des Bistros, und ruft allen zu:
„Total lustig, ihr seid alle im Bild“. Den fragenden Blicken seiner Gäste entgegenwirkend, erklärt er, dass er über der Bar eine kleine Videokamera installiert habe, durch die er alle Geschehnisse in seinem Bistro mitverfolgen und aufzeichnen kann: Wer aller hier sei, ob der Umsatz laufe und ob das Personal gefälligst schuftet. „Los, winkt alle mal – das stellen wir dann bei Youtube rein!“
François, Jean-Luc, Claude, Romy und Jacques geben Alfred unmissverständlich zu verstehen, dass sie diesen indiskreten Klimbim eher nicht gutheißen wollen.
„Was habt ihr alle bloß“, fragt Alfred. „Es ist nur ein Film …“
„Oui, Alfred“, so die Gäste unisono. „Aber ein verdammt schlechter“.
Und sie tanzten eine Nacht in Paris den letzten Tango bis zur ersten Metro und nahmen außer Atem den Fahrstuhl zum Schafott.
– Alle wütend ab.

Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 17 zum Thema „Film“,
Oktober 2008

