Reality Mining

JIMMY DEIX über das positive Potenzial des Datenschürfens für soziale Zwecke und über neue, durchaus sinnvolle Geschäftsfelder für die Mobilfunkindustrie.
Die Idee ist brillant und ebenso einfach und vielleicht sogar bahnbrechend für das 21. Jahrhundert. Sandy Pentland – Informatiker am MIT (Massachusetts Institute of Technology) – ist Wegbereiter einer methodischen Theorie, die sich als Alternative zum drohenden Überwachungsstaat erweisen könnte: Reality Mining – eine neue Technologie, die aus der Datenflut Erkenntnisse über menschliches Verhalten gewinnt, um sie für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Nicht bloß für Werbezwecke, sondern auch um Regierungskrisen, Pandemien oder Verkehrsstaus vorhersagen zu können. Im Prinzip ist Reality Mining wie Data Mining, also Datenschürfen, dem hier allerdings ein durchaus humanistischer Ansatz zugrunde liegt. Es soll uns befähigen, durch die Analyse digitaler Spuren, die wir täglich im Cyberspace hinterlassen, die Muster menschlichen Daseins besser zu verstehen – in elektronischen Netzwerken, im Stadtverkehr, beim Einkauf oder am Telefon … Denn ist es nicht so, dass unser Handy oft mehr über uns weiß als wir selbst?
Vor zehn Jahren hatte die Hälfte der Menschheit noch nie ein Telefonat getätigt; nur 20 Prozent der Weltbevölkerung hatte regelmäßigen Zugang zum Fernmeldewesen. Heute besitzen vier Milliarden Menschen ein Mobiltelefon – so eine Studie des Weltwirtschaftsforums –, und täglich kommen 700.000 Vertragspartner hinzu. In OECD-Ländern sind Handys um 10 Dollar erhältlich, wodurch nahezu alle Gesellschaftsschichten in Verbindung stehen. Zum ersten Mal ist der Großteil der Menschheit verlinkt, und auch die Dritte Welt hat eine Stimme.
Trotz dieser Zahlen ist die Mobilfunkindustrie ins Straucheln geraten. Das Wachstum ist gebremst, neue Investitionen erfolgen kaum, und die EU drückt die Gebühren (Roaming). Für Sandy Pentland ist ein Mobiltelefon jedoch mehr als nur Sprechapparat oder Abspielgerät für Clips mit singenden Fröschen. Aus der Sicht von Reality Mining sollte jedes einzelne wie ein „sozialer Sensor“ fungieren, wodurch das dichte GSM-Netz zu einem „sensiblen, globalen Nervensystem“ mutiert, aus dem das Sozialverhalten von Bevölkerungsgruppen statistisch lesbar wird. Noch generiert die Mobilfunkbranche 82 Prozent ihrer Einkünfte aus der herkömmlichen Vermittlung von Telefongesprächen. Ein neues Geschäftsfeld stellt Mobilfunkanbietern jedoch rosige Zeiten in Aussicht, nämlich durch den Handel mit Daten ihrer Kunden.
„In wenigen Jahren werden 90 Prozent aller Daten der Welt personenbezogene Daten sein“, schätzt Jeff M. Nick, Vizepräsident und CTO (Chief Technology Officer) bei EMC, dem weltweit führenden Entwickler von Informationsinfrastrukturen. Traut man Firmen wie Sense Networks und Path Intelligence – die ersten kommerziellen Gehversuche von Reality Mining –, würden die Persönlichkeitsrechte der Kunden dabei gänzlich unberührt bleiben. Reality Mining filtert keine Daten über Personen – es schöpft aus dem wirklichen Leben. Für Studien von Kommunikations- und Mobilitätsmuster ist die Identität des Einzelnen nicht relevant. Reality Mining treibt den Datenschutz eher voran, als ihn zu unterminieren. Schon morgen könnte die EU eine Eintragung in die Grundgesetze veranlassen, dass Daten einzig und allein jener Person gehören, von der sie stammen. Sie allein darf entscheiden, ob und wie diese verwendet werden. Pentland spricht von einem „New Deal on Data“.
Von Mobilität zu Allgegenwart
Die Direktive von Werbung, Vertriebsplanung wie auch von Regierungsämtern beruht gegenwärtig auf demografischen Daten. Durch deren Abgleichung mit Ergebnissen des Reality Mining könnten Regierungen weit präziser auf die Bedürfnisse der Bürger eingehen, als es etwa durch Volkszählungen und Meinungsumfragen möglich ist. Reality Mining stellt eine Kapazität für die Sammlung und Auswertung von Daten in einer Breite und Tiefe dar, die zuvor undenkbar war, für eine Vielzahl an Anwendungen. Man könnte feststellen, ob McDonald’s-Kunden auch zu Burger King gehen, aber ebenso Konjunkturrückgänge durchleuchten, Kriterien der Lebensqualität ermessen oder Finanzindexe für verschiedene Regionen entwickeln.
Wie im Großen funktioniert Reality Mining auch im Kleinen, etwa innerhalb von Organisationen. Der CEO einer Firma beruft beispielsweise ein Meeting mit den Abteilungsleitern aus Werbung und Vertrieb ein. Es gibt Mineral und Orangensaft, und die nächsten Stunden ist niemand telefonisch erreichbar. In der Folge gehen E-Mails mit weiterführenden Infos hin und her und das Projekt nimmt seinen Lauf. Reality Mining misst, wer mit wem wann wie oft spricht und wie viele elektronische Nachrichten mit diesem Austausch täglich einhergehen, und kann etwa die Korrelation zwischen Mails und Direktgesprächen grafisch sichtbar machen. Doch herrje, wenn nun erkennbar wird, dass keines der involvierten Departments den Kundenservice informierte, der das Projekt schließlich an der Kundenfront umsetzen soll? Der CEO weiß nun, dass er dem Kundenservice am besten selbst einen Besuch abstattet, um den Mitarbeitern persönlich „Guten Tag“ zu sagen.
Reality Mining erweist sich in diesem Fall als praktisches Instrument zur Steuerung innerbetrieblicher Kommunikation. Die Firmenleitung erkennt, welche Gruppe kreativ ist, welche überfordert und Fehler begeht, und welche Mitarbeiter in einem „Informationsghetto“ leben und von nichts wissen. Die Schließung einer solchen Lücke kann die Produktivität der Abteilung um bis zu 40 Prozent steigern.
Das unerschöpfliche Potenzial von Reality Mining lässt vieles, wofür IT heute genutzt wird, geradezu unbedeutend erscheinen. Das Forschungsmagazin Technology Review reiht es gar unter die „10 aufstrebenden Technologien, die die Welt verändern werden“. Die Hoffnung für die Gesellschaft liegt darin, dass dieses neue, tiefer gehende Verständnis von individuellem Verhalten die Effizienz und Reaktionsfähigkeit von Industrien und Regierungen erhöhen würde. Die Einzelperson könnte eine Welt erfahren, in der sich viele Dinge bequem von selbst erledigen – der Termin für eine Gesundheitsuntersuchung könnte bereits fixiert sein, sobald man beginnt, krank zu werden; der Bus käme, sobald man bei der Haltestelle eintrifft, und bei Großveranstaltungen gäbe es keine Warteschlangen mehr.
Reality Mining weist spielerischen Charakter auf. Und ermunternde Hinweise darauf, dass Technologie auch eine Macht des Guten sein kann, hat unsere Digitalgesellschaft ohnehin mehr als dringend nötig.

Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 21 zum Thema „Industrie“,
Oktober 2009