Made in Texas

Jessica Simpson

PAMELA ANDERSON BEKOMMT MIGRÄNE, BRITNEY SPEARS GEHT IN KARENZ UND MADONNA HAUT ES GLATT VOM PFERD. AUCH NANCY SINATRA DÜRFTE KEINEN GUTEN TAG GEHABT HABEN, ALS SIE JESSICA SIMPSONS GEKONNTEN HÜFTSCHWUNG IM VIDEO ZU THESE BOOTS ARE MADE FOR WALKING SAH. MIT DEM SEXAPPEAL DER FESCHEN PFARRERSTOCHTER AUS TEXAS HAT DIE FRIVOLITÄT DER UNTERHALTUNGSBRANCHE EIN NEUES NIVEAU ERREICHT.

von JIMMY DEIX

„Laß meinen Mann in ruhe!“ schrie Jessica Simpson, als eine Tussi ihren Liebling Nick Lachey anmachte. Das amerikanische Traumpaar ging gerade durchs Parkdeck des ABC-Senders, als Jessica beobachten musste, wie eine feurige Rothaarige einen Zettel unter den Scheibenwischer von Nicks Auto klemmte. Als das dreiste Mädel davonschlich, stürmte Jessica herbei und raffte das Papier an sich – auf dem stand der Name des flotten Käfers, ihre Telefonnummer und – ganz unverblümt – eine Einladung an Nick, „eine schöne Zeit“ miteinander zu verbringen. Jessica tobte vor Eifersucht und begann zu kreischen, als dieser unverschämte Trampel ihrem Nick auch noch lächelnd zuwinkte, während sie mit quietschenden Reifen aus dem Parkdeck kurvte.

Szenen wie diese sind ganz normal in Jessica Simpsons Privatleben. Die Eskapaden ihrer Realityshow Newlyweds: Nick & Jessica (täglich auf MTV) sind dagegen fast harmlos, wenngleich ganz Amerika losbrüllt vor Lachen, wenn sich Jessie wieder mal die Blöße gibt. Schon in der Eröffnungs-Episode der Serie kam der Knüller: In ihrer Traumvilla in Calabasas/Kalifornien lounged Jessica auf ihrer Couch, sieht gemütlich fern und mampft dabei Salat aus einer Schüssel: „Ist das Huhn oder Fisch?“, fragt sie. „Ich weiß, es ist Thunfisch, aber wieso sagt man dann Chicken of the Sea? Die Fernsehnation konnte es kaum fassen. Kann jemand wirklich so dämlich sein? Amerikas Dumpfbacke Nr. 1 war auf den Werbegag des Fischdosen-Konzerns Mermaid hereingefallen. Dabei weiß doch in den USA jeder Tölpel, dass Tuna ein Huhn ist, das draussen im Pazifik schwimmt …

Jessica Simpson (25) ist eine erstaunliche Mischung aus südstaatlichem Konservativismus und perfektem Pin-Up. Sie ist die personifizierte amerikanische Doppelmoral – mal sexy, dann wieder prüde. Eine Grace Kelly der Generation 9/11. Wie man „Massachusetts“ buchstabiert, weiß sie bis heute nicht, aber wen stört das, bei der Traumfigur? Mit These Boots Are Made For Walking hat sie das schärfste Musikvideo des Jahres abgeliefert. TexMex meets Hillybilly. Der Clip ist ein gelungener Trailer für den Spielfilm The Dukes of Hazzard (der bei Kritikern in den USA durchfiel). Die rasante Komödie ist ein stylisches Remake der gleichnamigen TV-Serie aus den späten 70er Jahren, die bei uns nie gelaufen ist. Neben Burt Reynolds und Country-Legende Willie Nelson, der einen Schwarzbrenner mimt (und auch am vortrefflichen Soundtrack mitwirkte), ist Simpson in der Rolle der dreisten Daisy Duke zu bewundern: Goldenes Haar, honigbraune Schenkel und mächtig Holz vor der Hütte. Mit ihren Reizen treibt sie die einfältige Landbevölkerung in den Wahnsinn – kein Wunder, dass sie beim Casting Britney Spears ausstach.

Jessica Simpson

Jessica Simpson weiß haargenau was richtige Kerle wollen: Sie posiert in Denim-Hotpants auf der Motorhaube, sie bringt das Trinken, zettelt Schlägereien an und shampooniert Autos im Bikini.

Dabei war Jessica noch Jungfrau, als sie im Oktober 2002 mit Nick Lachey (31) – Leadsänger der Boygroup 98 Degrees – in den heiligen Stand der Ehe trat. Das bestimmt eine Familientradition; so ist das eben in Texas: Mit der Jungfräulichkeit nehmen es die Baptisten genauso ernst wie die Saudi-Araber. Ein Schwur, der ihr mehr Publicity einbrachte, als jede Platte. Sie hätte das Liebesleben einer Hausfrau aus den 50er Jahren, wird propagiert. „Der Einzige Mann, der mich je ohne Bikini sah, war Nick“, gesteht sie. Die Frischvermählten ließen sich auf den gewagten Deal ein, das erste Jahr ihrer Ehe auf MTV zu zeigen. Newlyweds offenbart schonungslos, wie Jessica wirklich ist: reich, schön, naiv, faul und obendrein kaufsüchtig – ein Opfer von Konsum und Wohlstandsverwahrlosung. Beim Shopping kennt sie keine Hemmungen. Am Melrose Drive, der In-Meile Hollywoods, gibt sie Abertausende Dollars für Schuhe und Kleider aus. Nick war regelrecht geschockt, als er auf einem Bettwäsche-Set ein Preisschild von 1.400 Dollar entdecken musste. Jessicas Kreditkarte ist so exklusiv, dass man für sie 150.000 Dollar hinterlegen muss, um sie zu behalten. Zuerst wollte Goody-Two-Shoes Jessica das verdammte Prepaid-Ding gar nicht haben: „Ich brauche keine Dollars – ich will die Kleider!“
Als sie einmal den Versuch unternahm, ihre Wäsche auch zu waschen, musste Nick zu Hilfe eilen. Jessica hatte nicht den blassesten Schimmer, wie man die Waschmaschine in Gang bringt und forderte eine Haushälterin. Doch Nick blieb hart: „Wofür? Nur um die Kleider aufzuklauben, die du fallen lässt? Das ist geradezu lächerlich!“
Nick, der gemeinsam mit Carmen Electra die High School besuchte, gibt sich als besonnener Teil des Dream-Couplets: „Ich liebe Jessica über alles“, beteuert er, „vor allem ihren Intellekt, aber manchmal muss man sie einbremsen.“ Etwa wenn sie einen Designer bestellen will, der in der Wohnung ein paar Bilder aufhängen soll, „damit es gemütlicher wird“.
Seher von Newlyweds wissen, wie Jessica ihr Geld verprasst – für Gucci, Prada & Co. Wie ein jüngstes Ereignis belegt, dürfte Husband Nick hingegen eher ein Knauser sein. Bei einem zweistündigen Lunch im todschicken Restaurant The Ivy in Beverly Hills wurde es so richtig dekadent. „Sie bestellten alles Erdenkliche – Aperitifs, Salate mit Meeresfrüchten, Steaks, Desserts und dazu ein paar Flaschen Champagner“, petzte ein Zeuge. „Sie beanspruchten das ganze Personal zu ihrer vollen Zufriedenheit. Die Rechnung betrug 1.100 Dollar.“ Selbstverständlich wollte Jessica ein entsprechendes Trinkgeld geben, etwa 15 Prozent. Nick aber flippte und meinte: „Das ist zuviel! Wir müssen irgendwo einsparen“ – und gab karge 14 Dollar Tip. „Die Kellner und der Manager konnten nicht fassen, was für ein erbärmlicher Schnorrer er ist!“
Dabei ist Nick ziemlich gestopft. Seine Band verkaufte 10 Millionen Platten. Kaum war Nick unter der Haube, ging es jedoch steil bergab. Ein Karriereknick war die Folge, womit die wilden Jahre vorbei sind. 98 Degrees verkündeten auf ihrer Website: „Wir legen eine Pause ein, werden in nächster Zeit nichts neues veröffentlichen und akzeptieren auch keine neuen Fanclub-Members.“ Jessicas Karriere schadete der Ehering jedoch keineswegs. Im Gegenteil. Sie wurde noch begehrter.

Jessica Simpson

ICH BIN VIELLEICHT NAIV, ABER SICHER NICHT BLÖD – NACHDENKEN IST MEIN HOBBY.
Jessie – die blondeste aller Blondinen.

Barbie lebt. Doch wie aufreizend darf die Tochter eines Pfarrers eigentlich sein? Schon als putzige zwölfjährige sang die Kesse im Kirchenchor der Baptisen von Richardson, einem Vorort von Dallas, wo Daddy Joe Simpson predigte. Heute ist er ihr Manager. „Ich durfte nie solo singen, weil mein Busen so groß war“, erinnert sich die Frühreife. „Das hätte die Ministranten erregt.“ Erfolglos blieb ihr Casting für die Kindersendung The Mickey Mouse Club, einer Kaderschmiede für künftige Popstars, durch die Britney Spears, Christina Aguilera und Justin Timberlake in den USA schon als Kids bekannt wurden. Es bedurfte noch einiger Push-Versuche ihrer Eltern, bis Jessica mit Weihnachtsliedern und Bubblegum-Pop die Charts enterte. Dieser Tage erscheint in den USA ihr viertes Album mit dem schönen Titel And The Band Played On, produziert von Jimmy Jam, der schon Janet Jacksons Nasty schuf.

Ihr infantiles Gemüt hat Jessica beibehalten. Niemals würde sie ihr Heim verlassen, ohne ihren geliebten Teddybär Oliver. Durch die karrierebedingte Vielfliegerei hat sie manchmal eine schusselige, leicht überdrehte Art. Als sie neulich am Airport LAX eincheckte, um mit Nick und ihrer Mama nach New York zu fliegen, da bemerkte sie, dass sie Oliver daheim vergessen hatte. Jessica schickte den Chauffeur zurück, um den Stoffbären zu holen, buchte auf einen späteren Flug um und saß geduldig in der VIP-Lounge, bis sie ihren kuscheligen Teddy wieder hatte – den sie dann fest umarmte.

Jessica Simpson

ICH WEISS NICHT, WAS EIN JETLAG IST. DA ICH
STÄNDIG EINEN HABE, FEHLT MIR DER VERGLEICH.
Manchmal ist auch ein Starlet ratlos.

Verdammt sexy – und dumm wie Bohnenstroh? Das dachten zunächst alle. In Wirklichkeit ist Jessica ziemlich clever. Sie stellt sich nur dumm. „Sie hat einen IQ von 160“, behauptet Mama Tina Simpson. Das hübsche Kind müsste demnach die Intelligenz von Albert Einstein haben. Kann das sein? „Es ist großartig, wenn dich alle für dämlich halten“, kichert Jessica. „So kam ich immer an all die Jungs ran …“
Eine gewiefte Geschäftsfrau ist sie, vom Kaliber einer Verona Pooth (vormals Feldbusch), mit optimiertem Karriereplan, an dem sie hart schuftet: „Ich will eine Diva sein,“ gesteht sie offenherzig, „eine Diva, die wegen ihrer Musik anerkannt wird und nicht, weil sie Diät-Cola spazieren führt.“
Der Werbeindustrie kommt das glamouröse Prachtweib gerade recht. Eben wurde sie vom Junk-Food-Hersteller Hershey’s unter Vertrag genommen, um Atemerfrischer zu bewerben. Böse Zungen unken, sie nehme die kleinen Pfefferminzpastillen, „um nicht schwanger zu werden …“. Sie wüsste nicht, dass sie bloß den Atem erfrischen sollen. Jedenfalls wird sie die Mints mögen. Denn Jessica würde nie ein Produkt bewerben, dass sie nicht selbst verwendet.

Wie gescheit Musiker manchmal wirklich sind, zeigt sich aber, wenn sie für Propaganda-Zwecke der US-Army einspringen, anstatt dagegen zu protestieren. Mit einer Hercules C-130 düste Jessica in den Irak, um bei George Bushs „Tour of Duty“ mitzuwirken. Ihre Aufgabe war, mit ein paar Liedern die GIs im Kriegsgebiet aufzumuntern – selbstverständlich leicht bekleidet.
2001 hatte Jessica sogar bei George Bushs Amtseinführung gesungen und war Gast im Weißen Haus, wo sie sich unter Senatoren und Kongressleute mischte, deren Frauen sich nicht länger zurückhalten konnten, ihr mitzuteilen, dass ihre Ehen genauso chaotisch wären wie die ihre. Beim unverfänglichen Small-Talk mit Gale Ann Norton – Staatssekretärin für Inneres unter George Bush – rutschte Jessica gleich der nächste Fauxpas heraus: „Glückwunsch! Sie haben die Zimmer im Weißen Haus wirklich wunderschön dekoriert …“

Jessica Simpson

WIR REPUBLIKANER HABEN
ES ZU ETWAS GEBRACHT.
Eine Granate in Camouflage.

Und dann ist da noch Jessicas kleine Schwester Ashlee Simpson (21). Die ist allerdings wirklich nicht ganz hell auf der Platte. Voll Bewunderung des Erfolges ihrer großen Schwester startete sie eine Karriere als Rocksängerin. Doch dann kam die Riesenblamage in der Sendung Saturday Night Life auf NBC, wo Ashlee ihren Doppel-Platin-Hit Autobiography performen wollte. Während ihre Stimme bereits zu hören war, hielt sie das Mikrophon noch immer in Hüfthöhe und wartete auf ihren Einsatz. An Lippen-Synchron war nicht zu denken – es war auch noch das falsche Playback. Die Regie von NBC blendete rasch aus und zog einen Werbeblock hoch. Millionen Amerikaner mussten das mit ansehen. Es war das übelste Playback-Debakel seit Milli Vanilli. Bald darauf hatte Ashlee einen Anheizer-Gig bei einem Footballspiel in der Orange Bowl in Miami. Als sie die ersten Takte ihres Liedes La La anstimmte, kannten 72.000 Stadionbesucher keine Gnade und buhten sie aus, bis sie heulend die Bühne verließ.

Kein Grund zur Scheidung? Es muss wohl der schlimmste Alptraum jeden Ehemannes Hollywoods sein, wenn seine Frau ausgerechnet neben jener Porno-Darstellerin Platz nimmt, die seine Ehe beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Genau das passierte, als Nick und seine hinreißende Jessica bei einer Charity-Party ihre Sitzplätze neben einer anderen berühmten Jessica zugewiesen bekamen – der nicht gerade zimperlichen Jessica Jaymes aus dem zensierten Filmgewerbe. Nick befürchtete, die beiden Damen könnten eine Unterhaltung beginnen – oder noch schlimmer – sie könnten einander befetzen, im überfüllten Nachtclub Avalon in LA, in den Hunderte Gäste gekommen waren, um einer Benefiz-Show von Justin Timberlake, Santana und James Brown beizuwohnen. Drei Monate zuvor war aufgeflogen, dass Jessica Jaymes – Star des Films If These Hips Could Talk – bei einer Bachelor-Party eine lesbische Sexshow abgezogen hatte, zu der Nick mit einem befreundeten Tontechniker erschienen war. Als Jessica davon erfuhr, hing der Haussegen schief, denn Jessica Jaymes Vorliebe für knackige Boygroup-Jünger ist mehr als berüchtigt. Hollywood spekuliert ohnedies, die Ehe der beiden hinge an einem seidenen Faden, wegen all seiner Flirts und Partys mit anderen Frauen. Nick war klar: Wenn seine Frau jetzt realisiert, dass diese Porno-Tante nun direkt neben ihr sitzt, dann könnten er und seine süße Partnerin aus Newlyweds recht bald geschiedene Leute sein. Nick fühlte sich unwohl, gab sich aber Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Unter diesem Stress hoffte er, den Abend ohne Konfrontation zu überstehen, doch er schwitzte jedes mal, wenn die Ladys einander höflich zunickten und zulächelten. Gott sei Dank ahnte seine Jessica nichts davon, dass die Dame neben ihr ausgerechnet diejenige war, die ihren Gatten so glänzend unterhalten hatte. Zum Glück für Nick hielt die Pornoqueen dicht. In einem Moment, als seine Frau kurz abgelenkt war, lehnte er sich über den Tisch und flehte Jaymes an, sie möge sich an einen anderen Tisch setzen. Dann ging plötzlich ein Blitzlicht los. Jemand hatte ihn geknipst, während er Jaymes ins Ohr flüsterte. Nick flippte aus. Er schickte seinen Bodyguard los, um die Handy-Kamera zu beschlagnahmen. Pflichtbewusst langte der Muskelprotz über den Tisch, um dem Freizeit-Paparazzo das Handy zu entreißen. Jetzt gab es Zoff. Sekunden später polterte der Leibwächter mit dem Chef der Club Security. Hastig wurden Arrangements getroffen, Jaymes und ihrem Date einen anderen Tisch zu geben. Die Geheimnisträgerin beschwerte sich nicht und Nick konnte aufatmen. Sie nahm ihre Handtasche und wechselte an einen anderen Platz, weit weg von Nick. Der Vorfall ereignete sich blitzschnell, sodass niemand etwas bemerkte – speziell Jessica Simpson nicht.
„Ich bin vielleicht naiv, aber sicher nicht blöd“, erklärt Jessica. „Nachdenken ist mein Hobby“.

Jedenfalls weiß sie zu kontern. Auf ihrem Nachtkästchen liegt zurzeit die zensierte Biografie von Porno-Superstar Jenna Jameson. Nachdem sie über die Ferien begonnen hatte, den pikanten Schmöker zu lesen, gestand sie Nick, sie könne sich mit dem „Charakter“ der Jenna durchaus identifizieren: „Das Buch würde bestimmt einen guten Film abgeben.“ Nick reagierte geknickt: „Du denkst aber nicht daran, in dem Film die Hauptrolle zu spielen, oder?“ Schnapsidee, meinte Jessica, „aber sich gelegentlich einen anzugucken ist sicher ein Spaß.“ Denn man lernt nie aus im Leben.
Wir danken Gott für Texas – und für Jessica Simpson.

© JIMMY DEIX – veröffentlicht im Magazin WIENER, November 2005