Kreisverkehr
JIMMY DEIX über Rechtsabbieger mit Linksdrall und die schönsten Roundabouts in Wien und Umgebung.
Ein Kreisverkehr ist eine runde Sache und bringt Abwechslung in den Alltagsverkehr, allein schon wegen der quietschenden Reifen. Es ist ein Platz, an dem einem alle Wege offen stehen, und doch ist es ein Ort der Tristesse. Das liegt mitunter an der Idee, die nicht überfahrbare Mittelinsel kreativ zu gestalten – die Rede ist von der gefürchteten „Kunst im Kreisverkehr“.
Sinnlose Anhäufungen von Felsblöcken oder schrottreife Skulpturen sollen jede Autofahrt als Kulturerlebnis erfahrbar machen. „Behübschungen“ an Ortseinfahrten dienen als Blickfang für Regionalwerbung, mit freundlichen Willkommensgrüßen und kunterbunten Blumenarrangements. In Bad Gleichenberg betrachtet man den umfahrbaren Springbrunnen gar schon als neues Wahrzeichen der Kurstadt. Kläglich gescheiterte Gestaltungsversuche wurden hingegen vielfach vom Feuilleton geprügelt. Mit Recht. Denn die Kultur dreht langsam durch. Sie wird heute von Bauingenieuren, Gemeinderäten und Straßenwalzen dominiert, die für sie den Rahmen schaffen.
Jetzt geht es um Dinge, die wichtig sind. Sicherheit lautet das große Argument, das die Rundbauwut vorantreibt. Die positive Unfallstatistik kaschiert aber, dass nicht selten schmierige Kick-back-Deals zwischen den Gemeinden und der Asphaltmafia dahinterstecken, zwecks „Auslastung des Bauvolumens“. Denn wäre an der California State Route 41 nahe Cholame statt der Kreuzung schon 1955 ein Kreisverkehr gewesen, würde James Dean dann heute noch Filme drehen?! Man stelle sich bloß vor: Sogar Falco wäre noch am Leben!!!
Doch manchmal eckt es auch im Kreisel: In Engelmannsbrunn wurde einer Autofahrerin ebenda ein Kunstwerk zum Verhängnis. Sie hielt das graue Betonobjekt in der Mitte für eine fortführende Rampe, die sich dann als „Sprungschanze“ herausstellte. Motorblock kaputt. Was die flachgelegte Betonplatte auf der Mittelinsel verloren hat? Na, Kunst eben. Verstehen Sie nichts davon? Gestalten mit Asphalt. Die Bergungsleute der FF Grafenwörth lachen noch heute über diesen Vorfall.
Dass Objektkunst auf der Straße nicht zwangsläufig in eine Blamage führen muss, veranschaulicht der älteste Kreisverkehr Europas. Die Place d’Étoile in Paris ist seit 1906 der Prototyp aller Roundabouts und bietet kreisenden Lenkern den Arc de Triomphe als Attraktion, mit seinen fantastischen Reliefs, die von hoher kunsthistorischer Bedeutung sind. Man kann Napoleon gewiss einiges nachsagen, aber ein Kleinhäusler war er sicher nicht. In seinem Schlafzimmer hing die Mona Lisa – bei kunstsinnigen Gemeinderäten hängt dort bestenfalls die Dina Larot. Da nützt auch der „Fontainebleau“ an der Ortseinfahrt nichts. Eine bittere, aber durchaus gerechte Erkenntnis.
© JIMMY DEIX – Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 25 zum Thema „Verkehr“,
Oktober 2010

