Im iPad zu Hause

Zukunftshaus

Der Trendforscher Matthias Horx hat in Wien ein Zukunftshaus errichtet, das wie ein Tablet-Computer aussieht – und es funktioniert sogar so ähnlich. So smart war intelligente Haustechnik noch nie.

von JIMMY DEIX   Fotos PHILIPP KREIDL

Wenn Matthias Horx morgens aufwacht, fühlt er sich wie der Kommandeur eines Raumschiffs. Atemberaubend ist der Ausblick auf die Morgenröte, die durch riesige Panoramafenster in sein Schlafzimmer dringt. Das „Future Evolution House“ am westlichen Wiener Stadtrand ist tatsächlich wie ein teleskopischer Ausguck, auch hinsichtlich zukünftiger Wohnformen, die schon heute möglich sind. Visionär Horx hat eine private Utopie realisiert und seine Erkenntnisse als Trend- und Zukunftsforscher in einem Bauwerk manifestiert, das vorwegnehmen soll, wie die Menschen in Zukunft leben werden. Der optimistische Bungalow, bar jeder Zukunftsangst, ist seit wenigen Monaten der neue Lebensmittelpunkt seiner vierköpfigen Familie. Ehefrau Oona Strathern steht bereits in der Küche und nimmt mit ihrem neuen Hausfreund vorlieb, genannt „Quooker“. Ein Wasserhahn, aus dem bei Bedarf kochendes Wasser sprudelt. Strathern ist Britin und daher professionelle Teetrinkerin. Simpel, aber genial. Der Speicher fasst drei Liter und ist energiesparend, da bestens isoliert. Auch Spaghetti gehen mit dem Wunderding superflott. Wenig später betritt Matthias Horx im schicken Designeranzug und mit seiner Lieblingsmusik im iPad den Knotenpunkt des Hauses – „The Hub“, der Ort der Zusammenkunft, mit offener Küche und einer Lounge mit Kamin. Die bequeme Couch ist von zwei schwarzen Trümmern flankiert, die wie umgestülpte Tröten aussehen. Es sind die kabellosen Stereo-Lautsprecher „Parrot“ von Philippe Starck, die Musik via W-LAN empfangen und verstärken können. Horx fummelt am Touchscreen seines iPads rum, im Audio-Menü. Minutenlang kein Pieps. „Das muss doch …“, murmelt er. Plötzlich donnern Beats durch den Raum, in Brachiallautstärke. Aus den Gladiolen pudert Blütenstaub. „Ahhh!“, ruft Horx, sichtlich zufrieden. „So geht das!“ Wenn seine Söhne Tristan und Julian allein zu Hause sind, läuft hier Drum & Bass …

ZukunftshausWohnen ohne Schnörkel unter Zuhilfenahme einer smarten Bedien- und Steuerungstechnik, die den sinnlichen Bedürfnissen moderner Menschen entspricht, war das erklärte Ziel der Horx-Family. Unter Einbeziehung neuer Design- und Materialkonzepte im Bereich der Innenarchitektur wie auch eines ausgeklügelten Energiekonzepts. Angst vor der nächsten Stromabrechnung haben die Bewohner keine. Das Haus produziert bis zu 80 Prozent seines Energieaufwandes selbst, dank der Sonnenkollektoren an den Außenwänden. Über das Online-Portal von Vaillant kann Horx allerorts den Energiestatus seines Brauchwasserspeichers abrufen, selbst wenn er auf Reisen ist. Das trifft sich gut. Als gefragter Fachmann für Zukunftsthemen hält Horx Vorträge in aller Welt und ist ständig auf Achse. Sogar das Elektroauto „Think“ kann in der Garage hauseigenen Strom „tanken“. Die Horx haben das niedliche Gefährt bereits als neues „Haustier“ liebgewonnen. Die perfekte Symbiose aus moderner Technik und behaglicher Ästhetik zu finden, ist ein ständiger Balanceakt. Der gesamte Wohnbereich ist mit massiven Dielen aus weißem Douglasienholz ausgelegt, vom dänischen Hersteller Dinesen. Eifrig flitzt der philippnische Haushälter Erno mit einem Staubsauger von Dyson darüber. Steigt der Energieaufwand im Zukunftshaus, beginnen im Hausgang die leuchtenden Wände rot zu pochen. Der Heizraum im Souterrain hat hingegen einen Bodenbelag aus knallgelbem Kunstharz. „Das soll an die Sonne erinnern“, deutet Oona Strathern. Im Wirtschaftsraum rattert sanft eine Allwater-Waschmaschine von Miele, die warmes Solarwasser vom Hausdach nutzt. „Immer wenn die Sonne scheint, müssen wir schnell Wäsche waschen“, scherzt Strathern.

ZukunftshausSich zu fragen, was die Zukunft bringen wird, liegt in der Natur des Menschen. Bei den Horx’ hat diese gerade eben begonnen. Soziokulturelle Aspekte waren für den Bau jedoch weit entscheidender als der spielerische Umgang mit praktischer Wohn-Automatisierung. Diese kann nämlich auch entmündigend sein: „Ich will nicht, dass mein Kühlschrank die Weinflasche automatisch nachbestellt, die ich eben ausgetrunken habe“, so Horx. „Ich will, dass mein Kühlschrank so dumm bleibt, wie er ist.“ Von beherrschender Technik, die maskulinen Allmachtsfantasien entsprungen zu sein scheint, hält Horx nämlich nicht viel: „Technologie muss smart sein und nicht kontrollintensiv.“ Weit entscheidender waren in der Planung die Verhaltensweisen einer modernen Familie, die noch dazu aus ausgeprägten Individualisten besteht. Das fand etwa in der Unterteilung des Grundrisses seinen Niederschlag. Alle Räume sind wie Schleusen modulierbar und können von den Bewohnern unmittelbar zwischen Offenheit und Rückzug variiert werden. Ansätze wie diese brechen bewusst mit der Grundstruktur von Wohnräumen, die wir aus dem Industriezeitalter kennen und die stark von den Geschlechterrollen bestimmt waren. Die Vorstellung, dass die Frau in die Küche gehört, den Eltern das Schlafzimmer zusteht und im Wohnzimmer ein Fernseher protzt wie ein Altar, ist für Horx allemal passé. „Eine Frau hat mitunter völlig andere Anforderungen an ein Bad als ein Mann und wer sagt denn, dass ein Bad nicht auch Wohnraum sein kann?“, hinterfragt Horx.

Architektonisch ist das Zukunftshaus stark vom Bauhaus und den kalifornischen Flachdachbungalows der 60er-Jahre inspiriert. Großzügige Schiebeglaswände Richtung Süden leiten barrierefrei in den Garten über, mit selbst regenerierendem Biotop, das auch als Swimmingpool benützt werden kann. Am Hang hat Familie Horx seltene Obstbäume gepflanzt. Das Gartenkonzept „Urban Gardening“ entspricht dabei den Bedürfnissen mobiler Menschen, die viel im Ausland unterwegs sind. In Zeiten wie diesen bewässert sich der Garten selbst. Üppiges Grün mäht Horx jedoch eigenhändig mit dem Handrasenmäher, ganz unautomatisch, nämlich im Sinne einer „Analogität zur Körperlichkeit“, wie Horx es nennt, und nicht mit „Routine herstellenden Prothesen“, also einem Mähroboter. Denn auch ein Zukunftsforscher geht mal offline. Schließlich soll der Garten als Ausgleich dienen zu stark fordernder geistiger Arbeit, die Horx berufsbedingt verrichtet, nicht selten am Schreibtisch im ausgelagerten Bürotrakt, auf dem außen die Aufschrift „Work“ prangt. Zur Inspiration stehen dort am Fenster kleine Roboter-Figuren. Horx’ liebste Sammlung. Frau Oona bringt ihm von jeder Auslandsreise eine mit. Die Denk-Zentrale ist zugleich Bibliothek und Heimkinosaal. Und wenn mal die Glasfenster mit den blickdichten Vorhängen von Backhausen abgedunkelt sind – die mit den computergenerierten Stoffentwürfen von Peter Kogler –, dann kann es durchaus sein, dass Horx gerade bei Kubricks „Odyssee im Weltraum“ abspannt.

 

© JIMMY DEIX – Erschienen im Wohn-Magazin H.O.M.E., November 2010