Fahr mit nach Utopia

In Zukunft wird es keine Autounfälle mehr geben, keine Zugverspätungen, keine Staus auf den Straßen, und der Stadtverkehr wird sauber. Mit dem Ausbau einer intelligenten Infrastruktur will die EU alle Verkehrsprobleme lösen und für überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum sorgen. Die individuelle Mobilität wird dadurch zum Politikum. Und das nicht ohne Grund.

von JIMMY DEIX

Wer vor der Erfindung des GPS das Wagnis erprobte mit dem Auto das Stadtzentrum von Mailand zu erreichen, wird festgestellt haben: eine Punktlandung auf dem Mond ist einfacher. Zwar ist an jeder Kreuzung der Hinweis „Centro“ beschildert, man findet es dennoch nicht. Schlussendlich gelangt man zu der Erkenntnis: Mailand hat gar kein Stadtzentrum. Nicht im eigentlichen Sinn. Die Stadt ist vielmehr ein Konglomerat aus zersiedelten Vororten. Seit es aber elektronische Navigationssysteme und Routenplaner gibt, ist das alles kein Problem mehr, und man erreicht mühelos die Scala und den Mailänder Dom. Und das, ohne sich überlegen zu müssen, wo man überhaupt hinfährt.

Die Erfolgsgeschichte von GPS (Global Positioning System) ist jedoch nur die Spitze des Eisberges an Entwicklungen, die in den nächsten Jahren unser mobiles Leben massiv beeinflussen werden. Dahinter steckt ein Aktionsplan der EU, der den lückenlosen Ausbau einer intelligenten Infrastruktur vorsieht, die das Verkehrswesen auf jeder Ebene revolutionieren soll. Frei nach dem Motto: Kommt erst der Verkehr in Schwung, zieht auch die Wirtschaft wieder an. Das verspricht jedenfalls eine stetig wachsende Schar an Experten auf dem Gebiet der Verkehrstelematik. Darunter ist jede Form der elektronischen Steuerung von Verkehr zu verstehen, die auf datenbasierter Telekommunikation beruht. Forschungsgruppen und Unternehmensberater zum Thema schießen wie Verkehrstafeln aus dem Boden. Zum Teil auch nur um eine Wissensbasis zu schaffen, die sich schon in den nächsten Jahren in einem Hi-Tech-Boom von bislang ungeahntem Ausmaß erschließen soll. Dann werden sensorische Erkennungs- und Trackingmethoden Geschwindigkeiten messen und dadurch Staus verhindern; digitale Park&Ride-Informationssysteme werden die Parkplatzsuche erleichtern, und sogar Ampeln springen auf Grün, wenn man sich einer Kreuzung nähert. Einige dieser intelligenten Technologien gibt es bereits, vieles ist noch Vision, die nun verwirklicht wird. Die staatliche ASFINAG will den Telematik-Ausbau auf Autobahnen und Schnellstraßen bereits 2013 abgeschlossen haben. Autofahren soll demnach einfach werden wie Rolltreppe fahren – und vor allem sicher, sauber, energieeffizient und umweltfreundlich.

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Sichtbar nützlich im Einsatz ist die Verkehrstelematik schon heute. Etwa bei der „Dynamischen Fahrgastinformation“ (DFI) auf Displays in Stationen öffentlicher Verkehrsmittel, welche die Minuten bis zur Ankunft der nächsten Straßen- oder U-Bahn ankünden. Weniger erfreulich für den Bürger ist die Anwendung der neuen Technik bei der Parkraumbewirtschaftung, die für Gemeinden durchaus einträglich ist. Ganze Hauptplätze werden mittlerweile umasphaltiert, um Platz für neue Parkometer-Konzepte zu schaffen. Es geht um ökonomische Nutzbarmachung der freien Verkehrsflächen, zum Gemeinwohl von uns allen.

„Der Einsatz von Verkehrstelematik wird organisatorische Strukturen bei den Verkehrs- und Infrastrukturbetreibern zur Folge haben und die Tür zu neuen Dienstleistungsangeboten in vielen Bereichen öffnen“, erklärt Reinhard Pfliegl, Geschäftsführer bei AustriaTech, der Gesellschaft des Bundes für technologische Maßnahmen. Intelligent Transport Systems (ITS) – so der international gebräuchliche Überbegriff für die Verkehrstelematik – ist zum Liebkind der politischen Fördergeber geworden. Jährlich werden in Österreich 7 bis 8 Millionen Euro an entsprechende Projekte vergeben.
Der Verkehrstechnologiesektor ist eine „Schlüsselbranche in Österreich“, erklärt Verkehrsministerin Doris Bures. Der Grund für den neuen Technikoptimismus: Experten sprechen der Verkehrstelematik in Europa ein Marktvolumen von 100 Mrd. Euro zu. ITS ist somit die Einlösung des Versprechens, die Weltwirtschaft am Rande des Erdölzeitalters durch Investitionen in grüne Alternativen zu retten. Hierfür ist jedoch eine teure aufwändige Verwaltung erforderlich. Deren Verankerung in der Verkehrspolitik scheint notwendig. Zwar werden große Teilbereiche mittels Public Private Partnership ausgegliedert, doch die zentrale Abrechnung obliegt dem Staat. Von Seiten des deutschen Bundesverkehrsministeriums wurde bereits beeidet, dass die Telematik im Zuge einer Verteuerungsstrategie nicht bloß zu einem elektronischen Inkasso-Instrument des Fiskus mutieren darf. In Österreich ist diese Deklarierung seitens der Politik noch ausständig. Wo einst Zölle abgeschafft wurden, macht sich nun eine Maut-Industrie breit.

DER TELEMATIK-TRICK
In seinem Buch „Der Telematik-Trick“ will der engagierte Ökologieforscher Wolfgang Zängl aus München den neuen Techno-Hype als bloßes Milliardengeschäft entlarven: „Die Telematiksysteme beabsichtigen nicht das Verkehrsaufkommen zu reduzieren“, so der Kritiker. „Sie sind die teuerste, aufwändigste und überflüssigste Sackgasse in neue Staus“. Verkehrs- und Umweltprobleme würden dadurch nur verschärft werden, weil die optimale Ausnutzung des Straßennetzes das Verkehrsaufkommen und den Benzinverbrauch mit Sicherheit erhöhen würde. Den Verkehr auf Schiene zu bringen, davon könne keine Rede sein.

Doch keine Innovation ohne Begeisterung. 2012 wird in Wien der ITS-Weltkongress stattfinden, unter Mitwirkung der ATTC (Austrian Traffic Telematic Cluster), einem Zusammenschluss namhafter Unternehmen aus Forschung, Wirtschaft und Industrie. Mit an Bord sind etwa die Industriellenvereinigung, Siemens, ÖBB und das Kuratorium für Verkehrssicherheit. Technologien sollen miteinander verknüpft werden, um daraus neue Produkte zu entwickeln. Ihre technische Machbarkeit und Marktfähigkeit soll nachgewiesen werden, der Nutzen soll transparent bleiben.

„Mobilität wird zur Servicedienstleistung am Bürger“, verspricht Brigitte Ederer, seit Frühjahr 2010 Europachefin von Siemens. Von der Idee, sich selbst steuernde Autos zu produzieren, ist der Konzern jedoch wieder abgekommen. Es gibt andere Möglichkeiten, die neue Technik sinnvoll umzusetzen und Mobilität zu „verkaufen“: Road-Pricing, e-Ticketing, Transport- und Flottenmanagement, Car2Car Communication, Highway Monitoring (Hi-Moni), WirelessCar … die Verkehrstelematik boomt. Als junges und interdisziplinäres Thema hat sie viele Fantasienamen und Abkürzungen hervorgebracht, die nur von wenigen verstanden werden und sogar von Fachleuten oft nicht erklärt werden können. Der Schweizer ITS-Verband hat aus diesem Grund eine Wortfibel zur Erläuterung der Fachbegriffe herausgegeben. Sie ist auch an Politiker gerichtet, um deren Entscheidungsprozesse zu erleichtern.

Anfang 2010 hat die EU-Kommission 14 Satelliten bestellt. Grund für die Anschaffung um 566 Mio. Euro ist das ambitionierte EU-Satellitenprogramm „Galileo“. Die alleinige Vorherrschaft des amerikanischen Navigationssystems GPS soll damit ausgebremst werden. Immerhin dient dieses auf einer anderen Frequenz auch der Aufspürung von Raketen im Ausland. Da die Verkehrstelematik aber weltweit vorangetrieben wird – in China ebenso wie in Afrika –, ist sie vielleicht der erste globale Wirtschaftsplan überhaupt auf elektronischem Wege.

Mathematisch betrachtet kann die Verkehrstelematik nie von fixen Größen ausgehen. Sie muss mit Werten rechnen, die sich in permanenter Veränderung befinden. Das fordert zum einen riesige Rechnerpotenziale und stellt höchste Anforderungen an eine Koordinationstauglichkeit aller Systeme, die fehlerfrei arbeiten müssen. In seiner Gesamtheit betrachtet, kommt der Aktionsplan der EU der Bildung eines informationstechnologischen Hyperraums gleich.

Die Ausgestaltung der öffentlichen Verkehrswege durch leitende Systeme liegt durchaus im Wesen der Sache. Die Direktive von Verkehr ist im Prinzip so alt wie die Fortbewegung an sich, da Verkehr immer innerhalb eines Systems stattfindet. Ohne die Entstehung des Straßenbaus und das damit verbundene Leitsystem durch die Landschaft würden wir heute noch immer über den sprichwörtlichen Acker fahren. Kritiker meinen jedoch, dass die neuen Verkehrsbeeinflussungsanlagen auch eine „Disziplinierung des fahrenden Individuums“ mit sich bringen würden. Telematik-Expertin Tanja Weber vom Konvergenzbüro Frührot spricht hingegen von einer „Freiheit des Einzelnen hin zu einer Freiheit der organisierten Bewegung“.
Welche sozialpsychologischen Auswirkungen die Eingriffe per Fernwirken in die kognitive Fähigkeit der Orientierung mit sich bringen werden, ist heute noch nicht ganz abzuschätzen.

© JIMMY DEIX – Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 25 zum Thema „Verkehr“,
Oktober 2010