California Streaming

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JIMMY DEIX über Strandjungs mit Surfspaß und Instant-Urlaube im Hier und Jetzt.

Der Himmel über Wien hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist. „Ich bin dann mal weg“, rief Gerry, und warf hastig ein paar Sachen in seinen Samsonite. Tante Wally hatte zu Steakwochen eingeladen, nach Santa Cruz an der Monterey Bay. Wenn man beginnt, seinem biometrischen Paßfoto ähnlich zu sehen, sollte man sowieso in den Urlaub fahren. „Vorher sehen wir uns aber schon noch“, hatten wir vage vereinbart, wozu es aber nicht mehr kommen sollte. Auch am Vorabend seiner Abreise sollten sich unsere Wege nicht mehr kreuzen, obwohl wir uns das fest vorgenommen hatten. Da sackte Gerry nämlich, obwohl er zeitig schlafen gehen wollte, im „Jahrhundertbeisl“ ab, während ich in der „Fledermaus“ hängen blieb. Bei unseren sporadischen Calls zwischendurch, merkte ich, dass er sich in seiner Reisevorfreude etwas zuviel „Verperltes“ verabreicht hatte. Als er ohne Schlaf um 5:20 Uhr in sein vorbestelltes Airport-Taxi stieg, hatte er mindestens zehn „Glaswecken“ intus. Vom Flughafen rief er dann nochmals an und lallte euphorisch in den Hörer. Er ist ja ein lieber Kerl, aber im illuminierten Zustand hat er die schreckliche Angewohnheit, zu unchristlichen Zeiten anzurufen und dir die Hucke voll zu labern. „Hör mal, ich bin nicht dein Pausenkasperl bis dein Gate öffnet“, machte ich ihm klar. „Bussi – baba!“
Gegen neun Uhr bimmelte das Handy abermals. Gerry war dran: „Bin schon in Frankfurt – Shit, hier darf man nirgends rauchen“. Diese Rauschkugel raubt mir noch den Mittagsschlaf. „Bon voyage, blöder Arsch“, sagte ich ihm, äußerst liebevoll.

Ich war mir sicher, er würde drüben einem furchtbaren Jetlag erlegen sein, doch Gerry ist eine ausgesprochene Rossnatur. Schon einen Tag später meldete er sich via Skype und lachte aus dem Messenger. Mit dem schwarzen Schaumgummi-Pfropfen des Headsets vor dem Mund, sah er aus, als ob es in Houston ein Problem gäbe, doch er strahlte wie die kalifornische Sonne:
„Hier ist alles pipifein“, sagte er.
Spätestens jetzt war mir klar, warum er mir zum Geburtstag eine Webcam geschenkt hatte.
„Wie ist das Meer?“ fragte ich.
„Man, we’ve got an ocean here“, korrigierte er prahlerisch.
Er kippte die Kamera nach rechts und zeigte mir den Pazifik, der vor der Veranda toste. Was ich sah, war ein perfektes Set an Wellen und augenblicklich schwangen wir uns auf die Surfboards. In Zeiten der Globalisierung ist es das Beste, an der Oberfläche entlang zu gleiten, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und vor allem nicht unterzugehen. Auch so betrachtet ist Surfen eines der geflügeltsten Worte unserer Zeit. Wir trieben die kühnsten Figuren, wie den „Kamikaze“, bei dem man mit senkrecht weggestreckten Armen die Tragflächen eines japanischen Kampfbombers imitiert. Nicht nur Flugzeuge stürzen ab – manchmal auch ein Computer. Das grüne Signallicht des Prozessors begann wie wild zu blinken und es war, als würde man das dröhnende Brummen der Propeller hören – dabei war es nur der Ventillator im Gebläse des PCs.
„Ich muss Schluss machen“, unterbrach Gerry und holte mich wieder von der Welle runter. „Die Steaks brutzeln schon …“

Aber ich blieb auf dem Laufenden. In den folgenden Wochen bekam ich nahezu täglich Reportings aus dem Surf Hot Spot mit Wireless LAN. Mit Peer-to-Peer von hier zum Pier, ohne weichem „B“, denn mit Corona wäscht man sich in Mexiko bestenfalls die Füße. Und war er einmal nicht Online, dann wusste ich, er ist am Extrem-Golfen in den Lincoln Hills. Ich zoomte mich via Flashearth bei ihm rein. Nach Übermittlung diverser Koordinaten und Straßennamen konnte ich sogar die Bude ausfindig machen, wo er chillte. Von oben sah es aus wie Entenhausen. Dank meines brauchbaren Geburtstagsgeschenks, lernte ich sogar seine Freunde kennen: Sue, Antonio, Sheilo, Henna, Cindy, Tim und Emily. Ich erfuhr jedes Detail brühwarm:
„Sie haben beinahe alle Kakteen umgeholzt – hier gibt’s bald keinen Tequila mehr!“
Da bleibt in Avocado County nur mehr der Cranberry – mit oder ohne Wodka.

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Am letzten Tag surften wir wieder. Wir checkten das System. In 80 Sekunden um die Welt. Wir browsten mit überhöhter Geschwindigkeit am West Cliff vorbei und dann den Daten-Highway hinunter, mit 2000 Bit in der Sekunde. Zwischendurch sahen wir auf Wiki nach dem Waikiki und tranken Mai Tai.
Bei dem Hyperspeed, mit dem wir unterwegs waren, blieb nur zu hoffen, dass wir nicht gegen eine Firewall donnerten. Wir drangen in den „Green Room“ ein, jener Tunnel, den eine überschäumende, meterhohe Welle bildet, ehe sie bricht. Während wir durch die nasse Röhre flitzten, konnte meine Hand an der senkrechten Wasserwand des Hohlraums entlang streifen. Wir übertönten das Rauschen des Meeres, indem wir Rufe der Begeisterung ausstießen, wie „Cowabunga“ und „Banzai“.
Hinter mir war Gerry. Gute Freunde kann niemand trennen. Auch kein „Wipe out“. Was täte ich bloß ohne ihn. „God only knows …“

Doch alles Schöne hat ein Ende. Die Realität holte uns ein. Ich fuhr nach Schwechat hinaus. Mein Kumpel würde sich bestimmt freuen, wenn ich ihn vom Flughafen abhole. Schließlich hatte er mir oft genug zu verstehen gegeben, welchen Flug er nehmen würde. Als sich endlich die Schiebetür horizontal öffnete, rollte Gerry heraus, quietschvergnügt wie eine Haubenlerche, das Haar vom Wind gekämmt. Aus seinem Gepäck ragten die Golf Clubs wie Stirrer aus einem Longdrink. Einen solchen nahmen wir dann auch im eher mäßigen Ambiente des „Café Wien“ in der Ankunftshalle. Er hatte mir ein Gitarren-Polish-Pflegeset aus dem Haight Ashbury Center in San Francisco mitgebracht und die neueste Ausgabe vom „National Enquirer“. Wie lieb von ihm (dabei hatte ich eigentlich den „Esquire“ gemeint). Bei einem Pago Pfirsich oder zwei erzählte er von seinem Trip. Das Meiste wusste ich ohnehin, dank unserer nicht enden wollenden Video-Konferenzen bei Tag und Nacht. Es ist geradezu kurios: In den drei Wochen, als er in den USA war, hatten wir mehr Kontakt, als in den Monaten vor seiner Abreise in Wien. Ist es nicht schön, dass Gerry wieder da ist?

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Erschienen im IT-Magazin SILVER Nr. 15 zum Thema „Reise“, April 2008